Belgische Pralinen – gekrönte Schokolade

Belgische Pralinen gehören ohne Zweifel wie Bier, Fritten und Waffeln zu den kulinarischen Köstlichkeiten Belgiens! Das Millionen von Menschen dieser kleinen süßen Versuchungen täglich verfallen ist kein Geheimnis. Doch woher kommt die Praline, was macht sie „belgisch“ und was hat Casanova mit ihr zu tun?

Die Geschichte der Praline

Pralinen sind nicht nur einfach gefüllte Schokolade. Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen der (belgischen) Praline und „einfachen“, mit Schokolade umhüllten Früchten oder Nüssen. Letztgenannte Variante besteht tatsächlich schon solange es Schokolade gibt. Doch die Erfindung der Praline ist grade mal 107 Jahre her.

Brüssel im ausklingenden 19. Jahrhundert

Um sich die Erfindung der Praline besser vorstellen zu können, versetzt man sich am besten in das Brüssel zu Begin des ausklingenden 19. Jahrhunderts:
König Leopold II hatte ab den 1850ern für weitgreifende Veränderungen in der Stadtstruktur gesorgt. Er ließ große Boulevards anlegen und ermöglichte (dank seiner umstrittenen Privatkolonie im Kongo) den Bau von großen Prachtbauten wie beispielsweise dem Justizpalast oder die königlichen Gewächshäusern in Laeken. Es wurden ganze Stadtviertel neu errichtet und die Stadt somit in alle Richtungen erweitert. Auch die Infrastruktur Brüssels erfuhr einen enormen Wandel. Brüssel wurde mit vielen anderen Städten im In- und Ausland per Zug sehr gut erreichbar. Im Jubelpark wurden 1888 und 1897 Weltausstellungen abgehalten. Diese wurden gut besucht und Brüssel international bekannt.

Brüssel wird zur Metropole

So entwickelte sich die belgische Hauptstadt wie die anderen, großen europäischen Städte Paris, London oder Wien zu einer Metropole.
Doch nicht nur die Stadt entwickelte sich zu einer typischen Großstadt, auch deren Einwohner und Besucher suchten immer mehr den Luxus, den das Leben in einer Stadt mit sich zog. Die 1847 eröffnete Galeries Royale Saint-Hubert unweit der Grand Place beherbergte seit jeher Luxusgeschäfte und die besten Cafés und Bistros der Stadt.

Die Galeries Royales Saint-Hubert. Nur in den frühen Morgenstunden ist sie so menschenleer.
Die Galeries Royales Saint-Hubert. Nur in den frühen Morgenstunden ist sie so menschenleer.

Alles begann in einer Apotheke

1875 eröffnete der Schweizer Jean Neuhaus in der Galerie de la Reine 25 eine Apotheke. Seine Familie stammt aus Italien und trug ursprünglich den Namen Casanova. Als sie sich in der Schweiz niederließen veränderten sie ihren Namen in „Neuhaus“.
Eigentlich wollte Jean Arzt werden, doch nachdem er zum zweiten mal durch die Prüfungen viel, entschied er sich Apotheker zu werden und verließ die Schweiz.
In Brüssel hatte er sich auf die Produktion von in Schokolade gehüllte Halspastillen und anderen Medikamenten spezialisiert. Somit versüßte er seinen Kunden im wahrsten Sinne des Wortes das Schlucken der bitteren Medizin.

Das Geburtshaus der belgischen Praline, hier began die Geschichte einst in einer Apotheke.
Das Geburtshaus der belgischen Praline, hier began die Geschichte einst in einer Apotheke.

Die Geburtsstunde der belgischen Pralinen

1912 erfand Jean Neuhaus Enkel Jean Junior Neuhaus (er trug den gleichen Namen wie sein Großvater) letztendlich die Praline wie wir sie heute kennen. Dafür füllte er flüssige Schokolade in Metallförmchen, goss sie aus und lies die Schokolade hart werden. Die so entstandene Schokoladenhülle füllte er anschließend mit Früchten, Nüssen, Marzipan, Likören oder Cremes. Geschlossen wurde die Praline dann mit einem Schokoladenplättchen. Sobald die Schokolade kalt geworden war, konnte die Praline aus der Form genommen werden. Voilá! Die belgische Pralinen waren geboren!

Eine Schokoladenbüste von Jean Jr. Neuhaus, dem Erfinder der pelgischen Praline.
Eine Schokoladenbüste von Jean Jr. Neuhaus, dem Erfinder der pelgischen Praline.

Die berühmte Pralinenschachtel

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weis nie was man kriegt.“ Dieses berühmte Zitat au dem 1994 erschienenen Film Forrest Gump wäre wohl ohne Louise Agostini, der Frau von Jean Jr. Neuhaus, nie entstanden. 1915 kam sie nach reifer Überlegung auf eine grandiose Idee, wie man die Pralinen besser verkaufen konnte. Es störte sie enorm, dass die liebevoll angefertigten Pralinen meistens in einem Tütchen verschwanden und dort dann nicht selten zerdrückt wurden. Deswegen erfand sie eine Schachtel, in der die Pralinen transportiert werden können, ohne dabei beschädigt zu werden. Auch heute noch verwendet man Dosen aus Karton für den Transport von Pralinen. Genau wie damals werden sie auch immer noch mit einer Schnur oder einem Band zugeschnürt. Denn das ist eines der Merkmale, an denen man gute von schlechten Pralinen unterscheiden kann; die Verpackung.

Brüsseler Spezialität mit weltweitem Ruhm

Neuhaus war nicht lange der einzige Verkäufer von Pralinen in Brüssel. Nach 1913 schießen überall in Brüssel weitere Chocolaterien und Pralinenhäuser aus dem Boden. Belgische Pralinen wurden vor allem in der oberen Gesellschaftsschicht immer verbreiteter. Produkte aus Schokolade galten nämlich schon lange als Luxusprodukt. Vor allem jene aus Belgien.

Eine andere weltweit bekannte Pralinenladenkette ist Leonidas. Sie wurde 1913 von einem Griechen namens Leonidas Kestekides gegründet. Kestekides besuchte 1910 die Weltausstellung in Brüssel und präsentierte dort seine süßen Kreationen. Prompt gewann er dort dann einen Preis für seine Pralinen und gründete daruaf 1913 in Gent seine Firma. Auch über 100 Jahre später zählt Leonidas zu den bekanntesten Pralinenherstellern der Welt.
In den USA ist vor allem Godiva ein bekannter Verkäufer belgischer Pralinen. Godiva wurde 1926 in Brüssel gegründet und konzentriert sich seit den 1960ern vor allem auf den amerikanischen Markt.

Belgische Pralinen als Luxusgüter

In der Luxusklasse der Chocolatiers spielt seit 1995 der aus Charleroi stammende Pierre Marcolini. Nachdem er mit seinen Schokoladenkreationen mehrmals auf der ganzen Welt Preise gewonnen hatte, machte er sich vor allem in der Luxusgastronomie einen Namen. Seine Pralinen werden heute an den besten Adressen von Monaco bis Dubai und von London bis Tokio verkauft. Es gibt sogar eine Filiale auf Hawaii. es lohnt sich auf jeden Fall der Besuch der Schaufenster der Filialen (egal wo auf der Welt). Denn die Pralinen werden dort wie Juwelen oder Schmuck präsentiert.

Die edlen Kreationen von Pierre Marcolini werden in einer Pralinenschachtel präsentiert.
Die edlen Kreationen von Pierre Marcolini werden in einer Pralinenschachtel präsentiert.

Unzählige kleine Pralinenhersteller

Doch neben den großen Marken gibt es nirgendwo auf der Welt so viele Hersteller und Verkäufer von Pralinen wie in Belgien. Vor allem die zahlreichen lokalen Pralinenhersteller erfahren in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. In jeder belgischen Stadt gibt es mittlerweile kleine oder mittlere Pralinengeschäfte, in denen man handgemachte Pralinen oder andere Produkte aus Schokolade kaufen kann.

Gekrönt wird ein Pralinenproduzent natürlich wenn er zu den Hoflieferanten des belgischen Königshauses gezählt wird. Doch da sind wir schon fast beim nächsten Blogbeitrag…

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