Bergbaustätten der Wallonie – Zeugen der industriellen Revolution

Dieses Jahr wollte ich alle UNESCO-Welterbestätten Belgiens besucht haben und auf meiner Liste standen auch noch die vier wichtigsten Bergbaustätten der Wallonie: Mine de Blegny, Bois du Cazier, Grand Hornu und Bois de Luc.

Nach dem Besuch der verschiedenen Bergwerke habe ich viel über die Wallonie und die Zusammenstellung ihrer Bevölkerung gelernt. Vor allem seit den Schließungen zahlreicher Bergwerke und den draus resultierenden Folgen wurden viele wallonische Bergwerksarbeiter in Ungewissheit gestürzt. Dies ändert sich aber seit einigen Jahren wieder. Aber fangen wir am Anfang an…

Neben der Mine von Blegny kann man auf eine ehemalige Abraumhalde steigen und die Aussicht genießen.
Neben der Mine von Blegny kann man auf eine ehemalige Abraumhalde steigen und die Aussicht genießen.

Wer anderen eine Grube gräbt…

Dass im wallonischen Boden irgendetwas Brauchbares ist, wussten schon die Römer. Damals fand man Kohle eher zufällig in Gruben und benutzte die schwarzen Steine u.a. zum Schnitzen von Schmuck. Erst im Mittelalter fand man heraus, dass sie auch als Wärmequellen dienen konnten. Sie brannten langsamer als Holz, hielten daher auch länger warm. Seit dem wurde der Handel mit dem „schwarzen Gold“ immer weiter ausgebaut. Während hunderten von Jahren baute man Kohle „über Tage“ ab, das bedeutet, dass eine Grube immer tiefer gegraben wird um an die Rohstoffe zu kommen.

Das Bergwerk in Grand Hornu wurde zwar nicht von den Römern erbaut, erinnert aber dennoch stark an eine römische Arena.
Das Bergwerk in Grand Hornu stammt nicht von den Römern, erinnert aber dennoch stark an eine römische Arena.

Die industrielle Revolution erreicht die Wallonie

Zum Ende des Mittelalters erlebt man in Europa einen riesigen Wirtschaftsaufschwung. Erste Maschinen zum Buchdruck, aber auch in der Landwirtschaft fordern eine große Nachfrage nach Holz. Da dieses aber auch hauptsächlich als Wärme-Energiequelle diente, musste man nun auf andere Rohstoffe zurückgreifen. Auf dem ganzen Kontinent grub man nun immer tiefer in die Erde, um an die Kohle zu kommen. Vor allem in England bildete dies die Grundlage der industriellen Revolution.

Welche Maschinen die industrielle Revolution in den Bergbaustätten einführte, kann man in den Hallen von Bois du Cazier begutachten
Welche Maschinen die industrielle Revolution in den Bergbaustätten einführte, kann man in den Hallen von Bois du Cazier begutachten

Mit und mit ersetzten dampfbetriebene Maschinen die Arbeit der Menschen. Im Gegensatz dazu brauchte man Arbeitskräfte, die in den Bergwerken den immer größer werdenden Bedarf an Kohlen abbaute. Um noch effizienter arbeiten zu können, wurde von nun an „unter Tage“ in riesigen Stollensystemen gearbeitet. Das ersparte das mühselige Waschen und Trennen der Kohlen vom restlichen Erdreich. Man „erntete“ nun direkt an der Quelle tief-sehr tief- unter der Erde.

Im Industriemuseum von Bois du Cazier ist ein alter Stollen nachgebaut worden um sich die Arbeit der "Miniers" besser vorstellen zu können
Im Industriemuseum von Bois du Cazier ist ein alter Stollen nachgebaut worden um sich die Arbeit der „Miniers“ besser vorstellen zu können

Belgien ist das erste kontinentaleuropäische Land, in dem die industrielle Revolution grundlegende soziale Strukturen veränderte. Diese Veränderungen sind in der Wallonie bis heute noch in den Bergbaustätten gut sichtbar. Dies ist ein Grund, warum die UNESCO die 4 am besten erhaltenen Bergwerke in ihre Welterbeliste aufgenommen haben.

Die vier am besten erhaltenen Bergbaustätten der Wallonie

Blegny-Mine

Die Mine von Blegny ist die einzige, in der Besucher die alten Stollen auf über 30m unter der Erde besuchen können. Es stand schon lange auf meiner Liste dieses unterirdische Abenteuer anzugehen, doch leider ist es wegen Corona zurzeit nur begrenzt möglich. Doch auch die überirdischen Reste der Mine lohnen einen Besuch. Neben vielen alten Gebäuden können auch kleine Züge,, mit denen man durch die Stollen transportiert wurde oder Maschinen rund um den Bergbau besichtigt werden. Ein kleiner Tierpark, Minigolf und ein Spielplatz runden das Freizeitangebot heute ab.
Wer einen außergewöhnlichen Blick über den Förderturm, dem Hauptgebäude und dem Herver Land bis hin nach Lüttich erleben möchte, kann den Abraumberg direkt neben dem Förderturm besteigen. Auf dem Weg zum „Gipfel“ findet man sogar noch viele Kohlen. Diese stillen Zeitzeugen erzählen genau wie Teile der Schienenanlagen auf dem Berg noch viel über den Kohleabbau in Blegny.

Bis in die 1980er wurde in Blegny noch Kohle aus der Erde befördert.
Bis in die 1980er wurde in Blegny noch Kohle aus der Erde befördert.

Bois du Cazier

Ganz in der Nähe von Charleroi befindet sich eine sehr geschichtsträchtige Mine der Wallonie. Im Bois du Cazier ereignete sich nämlich am 8. August 1958 das bis heute schlimmste Grubenunglück Belgiens mit mehr als 260 Toten. Das als „Katastrophe von Marcinelle“ bekannte Unglück wurde vor allem in Italien bekannt, da sehr viele der Opfer italienische Gastarbeiter waren. In einer Dauerausstellung erfährt man heute alles über dieses Grubenunglück.
In den gut erhaltenen und restaurierten Gebäuden der Mine ist ein Industriemuseum untergebracht. Dort sind neben den Umkleiden und Duschen auch viele der alten Maschinen zu sehen, die damals die industrielle Revolution auf dem europäischen Kontinent einläuteten.

Titelbild Bergbaustätten der Wallonie
Eine der schlimmsten Katastrophen der wallonischen Geschichte ereignete sich im Bois du Cazier. Über 260 Arbeiter kamen dabei ums Leben.

Grand Hornu

Eine ganze Bergbausiedlung entstand in den 1820ern in der Nähe von Mons. Heute gilt sie als ausgezeichnetes Muster einer auf dem Reißbrett entstandenen Industrie- und Arbeitersiedlung. Die komplette Anlage erinnert eher an eine römische Arena, als an ein Bergwerk. Neben den Maschinenhallen und der Verwaltung gab es noch eine Bibliothek, eine Schule und einen Ballsaal auf dem Gelände. Umgeben wird der zentrale Bau auch heute noch von vielen Arbeiterwohnungen.
Nachdem die Zeche schon 1954 geschlossen wurde zerfiel sie immer mehr und war 1984 schon fast aufgegeben worden. Zum Glück kaufte die Provinz Hennegau das Areal und ließ es bis in die 1990ern teilweise wieder aufbauen. Heute befinden sich in den historischen Mauern ein Museum für zeitgenössische Kunst, ein Restaurant und ein Ausstellungsraum.

Die Eingangspforte erinnert eher an einen römischen Palast als an ein Bergwerk. Der neoklassizistische Architekturstil zieht sich durch den ganzen Gebäudekomplex.
Die Eingangspforte erinnert eher an einen römischen Palast als an ein Bergwerk. Der neoklassizistische Architekturstil zieht sich durch den ganzen Gebäudekomplex.
Was aussieht wie die Ruinen einer jahrhundertealten Kathedrale war einst die Maschinenhalle des Bergwergs.
Was aussieht wie die Ruinen einer jahrhundertealten Kathedrale war einst die Maschinenhalle des Bergwergs.

Bois de Luc

Etwas enttäuscht war ich über die Anlage des Bergwerks von Bois de Luc in der Nähe von La Louviére. Das eigentliche Bergwerk ist nicht zugänglich und nur durch ein Gitter zu bewundern. Es befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Um das Bergwerk entstand ein ganzes Dorf mit Schule, Kirche und 166 symmetrisch errichteten Arbeiterwohnungen. Ganz im Kontrast dazu befindet sich auf dem Areal auch die Villa des Minendirektors und der Ingenieure. Leider wirkt die ganze Gegend heute sehr verfallen und heruntergekommen. Auch wenn das einheitliche Viertel der Arbeiterwohnungen ,vor kurzem wie es scheint, einen Anstrich bekommen hat.
Als Trost befinden sich nur wenige km entfernt vom Bergwerk die historischen Schiffshebewerke des Canal du Centre, ein weiteres UNESCO-Weltkulturerbe Belgiens.

Das ehemalige Bergwerk samt Förderturm ist nur durch ein Loch in der Absperrung zu bewundern. Auch der Rest der Anlage ist renovierungsbedürftig.
Die einfachen Arbeiterwohnungen bilden 4 Rechtecke, die sich um einen zentralen Platz schmiegen.

Andy

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