Der Karneval von Binche – ein karnevalistisches UNESCO Weltkulturerbe

Im kleinen verschlafenen Städtchen Binche, im Süden der Provinz Hennegau, herrscht über die Karnevalstage der Ausnahmezustand. Höhepunkt der ganzen Saison ist der Mardi Gras (Fetter Dienstag). Letztes Jahr habe ich mir dieses traditionsreiche Ereignis mal angeschaut und war beeindruckt von den alten Bräuchen der Gilles und ihren außergewöhnlichen Kostümen.

Gilles in den Straßen von Binche

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Schon bei meiner Anreise merkte ich schnell, dass ich nicht alleine unterwegs zum Karneval nach Binche war. Je näher ich der kleinen Stadt kam, um so voller wurde der Zug. In La Louviére waren es dann schon so viele, dass man in den Anschlusszug wegen Überfüllung niemanden mehr einstiegen ließ. Über die Lautsprecher ertönte wenig später dann die Mitteilung, dass alle weiteren Züge nach Binche aus Sicherheitsgründen gestrichen wurden.

Ich schloss mich einer Gruppe Jugendlichen an, die ihre Reise mit dem Bus fortsetzten wollten. Die knapp 10 km lange Strecke, dauerte allerdings fast 1 Stunde, denn auch der Bus wurde von Haltestelle zu Haltestelle immer voller. Letztendlich wurden wir an einem Kreisverkehr am Rande von Binche gebeten auszusteigen und den Weg zu fuß weiter zu führen. Auf den letzten 2 km ins Zentrum stieß ich dann auf ein eher ungewöhnliches Bild. Bei ganzen Straßenzügen waren jegliche Fenster und Türen mit provisorischen und teilweise professionellen Vorrichtungen geschützt. Die Straßen waren teilweise abgesperrt und überall in der Stadt hörte man Trommeln und Glocken…

Die Traditionen der Gilles und dem Karneval von Binche

Nicht umsonst zählt der Karneval von Binche zu dem immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Wie weit die Traditionen zurückgehen kann man nicht genau sagen. Man sagt, dass Margarete von Ungarn, damalige Statthalterin der Niederlande, das Fest 1549 zum ersten Mal organisierte, als ihr Bruder, Karl V, damals Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sie in Binche besuchte. Die frisch eroberten Reiche und deren Kultur der Inkas in der ‚Neuen Welt‘ sollen bei den Federhüten der Gilles als Vorbilder gedient haben.

Gilles zu werden ist nicht für jeden mögliche. Denn um ein Gilles zu werden muss man in der Gemeinde Binche geboren sein und auch dort wohnen. Außerdem ist es nur Männern erlaubt das traditionsreiche Kostüm zu tragen Ein Gilles darf auch niemals (kostümiert) die Gemeinde verlassen oder ohne Begleitung eines „Trommlers“ durch den Ort ziehen.

Gilles am Fuße des Belfrieds an der Grand Place

Indianer, Vogelscheuche oder Bauern?

Beim ersten Anblick erinnert ein Gilles an eine Mischung aus Indianer, Vogelscheuche und Bauer. Am auffälligsten ist die mit weißen Straußenfedern geschmückte Kopfbedeckung. An den Gesichtszügen der Gilles erkennt man, dass diese nicht gerade leicht zu tragen sind.
Das schlichte Kostüm ist geschmückt mit vielen aufgenähten Löwen, Masken, Blumen, Kronen und Wappen in den belgischen Farben schwarz – gelb – rot. Gefüttert wird das Kostüm in mehreren Stunden Arbeit mit ganz viel Stroh. Ein Kragen aus Spitze, viele Glocken und Holzschuhe runden das Kostüm ab. Neben einem oder mehreren Trommlern begleitet den Gilles noch ein kleines Detail: ein Körbchen, gefüllt mit Apfelsinen. Diese werden dem Besuchern zugeworfen. Oder man versucht sie in die Fenster zu schmeißen. Deswegen die Vorrichtungen vor den Fenster und Türen, die sie vor den Apfelsinenwurfgeschossen schützen sollen.

Rhythmische Töne an der Grand Place

Von allen Ecken der Stadt scheinen die kleineren Gruppen der Gilles in Richtung Grand Place zu marschieren. Das letzte Stück durch die Rue Notre Dame werden die Gilles von unterschiedlichen anderen Gruppen mit traditionellen Kostümen begleitet. Da wären zum einen die Paysans mit ihren kleinen Federhüten und zum anderen die Pierrots , die an Harlekins erinnern und die Arlequins, die bunte Kostüme wie ein Hofnarr tragen. Immer und überall ertönen die trommelwirbelähnlichen Begleitgeräusche durch die ganze Stadt. Dazu wird rhythmisch getanzt – oder besser gesagt „getrippelt“. Am Fuße des Belfrieds – eines anderen UNESCO-Weltkulturerbes der Stadt Binche – tanzen die verschiedenen Gruppen und Gilles dann gemeinsam im Kreis. Das Publikum tanzt kräftig mit und freut sich über die gefangenen Apfelsinen. Abgeschlossen wird das Spektakel mit einem Feuerwerk. Dann verlagert sich das Feiern in die zahlreichen Kneipen an der Grand Place. Doch ich machte ich auf den langen Heimweg…

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