Die Belfriede in Flandern und der Wallonie – hohe Welterben

Am 1. Dezember jährte es sich zum 20. Mal, dass die UNESCO 33 Belfriede in Flandern und der Wallonie in die Welterbeliste aufgenommen hatte. Grund genug mal einen ausführlichen Bericht über die Belfriede in Belgien zu schreiben.
Einige belgische UNESCO-Welterbestätten habe ich schon auf meinem Blog beschrieben (Grand Place, Altstadt von Brügge, Beginenhöfe und Schiffshebewerke) und auch das ein oder andere immaterielle Welterbe Belgiens habe ich euch schon präsentiert (Karneval von Binche, Garnelenfischer von Oostduinkerke und die belgische Bierbraukunst). Doch bei den flämischen und wallonischen Belfrieden handelt es sich um ein Welterbe, welches über einen sehr großen Teil Belgiens verteilt ist. Warum? das möchte ich euch hier nun erklären.

Was sind Belfriede?

Ein Belfried ist eine Art Glockenturm. Viele der belgischen Belfriede haben eine bis in das Mittelalter zurückgehende Geschichte. Vor allem die flämischen Belfriede sind heute Zeugen einer glorreichen Vergangenheit. Ich würde sogar behaupten, dass man eine einst wichtige Stadt in Flandern daran erkennt, ob sie einen Belfried hat(te) und wie dieser aussieht. Aber warum?

Tournai
Glockentürme dominieren auch heute och die Skyline vieler mittelalterlicher Städte. Viele von ihnen, wie dieser in Tournai, kann man besteigen und von oben eine herrliche Aussicht genießen.

Ein Zeichen der Macht

Die prachtvollen Belfriede waren natürliche ein Zeichen der Macht. Dabei kann man die Art der Türme in drei große Gruppen einteilen: Kirchliche, bürgerliche und wirtschaftliche.

Kirchliche Macht

Im Mittelalter hatte die Kirche noch viel im städtischen Alltag zu bestimmen. So war es nicht verwunderlich, dass Kirchen damals zu den prächtigsten Bauten einer Stadt gehörten.
Kirchen haben bekanntlich einen Kirchturm, in dem sich die Kirchenglocken befinden. Zu den verschiedenen Gottesdiensten werden die Glocken geläutet um der ganzen Gemeinschaft etwas mit zu teilen. „Hier wurde gerade jemand getauft“, „hier haben sich soeben zwei Leute das Jawort gegeben“ etc. könnten die Texte des Glockenspiels heißen. Da die Kirchtürme oft die höchsten Gebäude einer Stadt waren, dienten sie auch als Ausguck zur Verteidigung. Eine weitere, aber viel später erst eingesetzte Nutzung des Kirchturms war die Uhrzeit vermitteln.
Halten wir also fest, dass Kirchtürme ein Zeichen der kirchlichen Macht darstellen.

Bürgerliche Macht

Vor allem in Flandern entwickelten sich während des Mittelalters in vielen kleineren und größeren Städten die Zünfte. Diese waren meistens wichtige Mitglieder im Stadtrat. Das politische Leben einer Stadt wurde somit nun nicht nur von der Kirche bestimmt, sondern auch immer mehr von (reichen) Adeligen Diese ließen prächtige Rathäuser errichten. Um ihre Macht zu demonstrieren ließen auch sie Glockentürme in die Höhe errichten. Diese standen nun in Konkurrenz zu den Türmen der Kirchen.
Genutzt wurden die Belfriede meistens zur Unterbringung von wichtigen Papieren und Schriften. Der Turm war immerhin immer gut gesichert, da er auch als Verteidigungsstützpunkt der Stadt dienste. Später wurden auch an vielen Türmen, wie an den Glockentürmen der Kirchen, Uhren angebracht.

Wirtschaftliche Macht

Neben der kirchlichen Macht und der bürgerlichen oder politischen Macht gab es in den mittelalterlichen Städten in Flandern noch eine andere wichtige Einheit, die Wirtschaft. Flandern mauserte sich im Laufedes Mittelalters zu einer der wichtigsten und größten Handelszentren Europas. Vor allem die Tuchindustrie blühte regelrecht auf. Der handel mit Tuche und die Produktion von Stoffen verschaffte den Städten einen wirtschaftlichen Reichtum. Überall wurden Tuchhallen errichtet, in denen die Waren gehandelt und verwaltet wurden. Um die Wichtigkeit dieser Händler zu demonstrieren, errichtete man wie auch bei den Rathäusern und Kirchen hohe Türme.

Verteidigung und Wachturm

Während viele Flämische Belfriede zur Demonstration von Macht errichtet wurden, dienten sie oft in der heutigen Wallonie oft schlicht zur Verteidigung. Sie wurden auf Resten der (römischen) Stadtmauern gebaut oder an einen strategisch wichtigen Ort errichtet. Der Belfried von Tournai diente beispielsweise der Verteidigung und ist der älteste der belgischen Belfriede. Auch ehemalige Kirchtürme wurden als Beobachtungsposten genutzt und entkamen so dem Abriss. Der wohl auffälligste Belfried der Wallonie ist der von Mons. Man errichtete ihn nicht zur Verteidigung oder Machtdemonstration. Der einzige barocke Belfried beheimatet ein Glockenspiel.

Glockentürme im „französischen Flandern“

2005 wurde die Liste der Belfriede, welche zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören erweitert. Doch diesmal waren es Belfriede, die alle in Frankreich stehen. Warum? Das hat einen historischen Hintergrund. Denn der nördlichste Zipfel Frankreichs, zwischen Boulogne sur Mer und Lille gehörte bis in die 1660er zur Grafschaft Flandern. Kein Wunder also, dass es dort auch viele typisch flämische Glockentürme zu finden gibt. Vor allem in Lille, Bergues, Dünkirchen und Arras ist dies an der mittelalterlichen Architektur der Altstädte eindeutig noch zu erkennen.
Doch das alles jetzt zu erklären, würde genug Stoff für einen weiteren Blogbeitrag liefern…

Andy

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