Die Vennbahn – früher Eisenbahn, heute Radwanderweg

Schon als Kind faszinierte mich die Strecke der Vennbahn, die quer durch die Eifel verlief. Wie oft habe ich nicht in den 1990ern das „Tutut“ der Vennbahn gehört, wenn sie hinter dem Haus meiner Tante in Raeren vorbei fuhr. Jedes Mal wurde das „Tutut“ von dem Pfeifen und Zischen begleitet, welches nur dampfbetriebene Züge machen.
Auch auf dem Weg zu meiner Familie in Schönberg bei St Vith, kreuzte sich unsere Route mehrmals mit der der Vennbahn. Vor allem der Bahnhof in Sourbrodt ist mir gut in Erinnerung geblieben, da dort immer viele Züge standen. Mein Vater ist dort dann extra langsam über den Bahnübergang gefahren, damit wir uns die Loks und Waggons angucken konnten.
Heute, 25 Jahre später, fahren keine Züge mehr über die Vennbahn. Dennoch ist sie eine sehr belebte und überaus sehenswerte Strecke! Warum dies so ist und was sie mit der Grenzziehung Belgiens zu tun hat lest ihr in diesem Beitrag.

Auch heute noch stehen beim Bahnhof Sourbrodt einige alte Wagons, die von der einst glorreichen Zeit der Vennbahn berichten.
Auch heute noch stehen beim Bahnhof Sourbrodt einige alte Wagons, die von der einst glorreichen Zeit der Vennbahn berichten.

Die Vennbahn früher

Ursprünglich wurde die Vennbahn als Verbindung zwischen Aachen und Luxemburg konzipiert. Die Industriegebiete beider Regionen wurden so miteinander verbunden. Ab Aachen – Rothe Erde transportierte man Kohle in die Erzfabriken Luxemburgs. Auf dem Rückweg beförderte die Vennbahn Eisenerz in die Stahlwerke rund um Aachen.
Der Bau der Vennbahn wurde etappenweise in den 1870ern und -80ern von der Preußischen Regierung in Auftrag gegeben. Mit der Zeit wurde die Strecke auch für die Personenbeförderung immer wichtiger. Die Vennbahn sorgte somit dafür, dass die schlecht erschlossenen Orte in der Eifel, wie St. Vith, Kalterherberg oder Monschau einen Anschluss an die Wirtschaftsräume von Aachen und Luxemburg bekamen. So wurden entlang der Strecke immer mehr Bahnhöfe errichtet, an denen Arbeiter auf dem Weg in die Fabriken hinzusteigen konnten.

Bahnhof Konzen. Viele der kleineren Orte in der Eifel wurden durch den Bau der Vennbahn an die Industrieregionen von Aachen und Luxemburg angebunden.
Der ehemalige Bahnhof Konzen. Viele der kleineren Orte in der Eifel wurden durch den Bau der Vennbahn an die Industrieregionen von Aachen und Luxemburg angebunden.

St. Vith als einer der wichtigsten Haltepunkte

Die Vennbahn bescherte dem kleinen Ort St. Vith in der Eifel einen regelrechten Aufschwung. In wenigen Jahren entwickelte sich das kleine Dorf zwischen Venn und Luxemburg in eine Stadt. Den Höhepunkt erreichte den Bahnhof von St. Vith in den 1920ern, als es das größte Unternehmen der Region war und mehr als 1000 Leute beschäftigte. Als wichtiger Knotenpunkt sowohl im belgischen als auch im deutschen Zugverkehr bediente der Bahnhof von St. Vith täglich über 100 Züge.

Eine bedeutende Strecke im Erste Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg wurde die Vennbahn wegen ihrer Lage im äußersten Westen Deutschlands vor allem für den Nachschub von Soldaten und Materialen an die Westfront genutzt. Daher wurde sie auch weiter ausgebaut und mit anderen schon bestehenden Zugstrecken in östlicher Richtung verbunden. Je mehr die deutschen Soldaten nach Westen vordrangen, um so weiter wurden die Strecken ausgebaut, die für den Nachschub sorgen sollten.

Mit dem Versailler Vertrag entsteht eine kuriose Grenzziehung entlang der Vennbahn

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges sollte Europa eine ganz neue Struktur bekommen. Dies merkt man auch heute noch im deutsch-belgischen Grenzraum. Die einst preußischen Kreise Eupen und Malmedy wurden an Belgien abgetreten. Die Vennbahn wechselte nun auf ihrer Strecke mehrmals zwischen Belgien und Deutschland. Für die nun belgischen Gebiete hatte die Vennbahn eine wirtschaftlich sehr wichtige Bedeutung. Deshalb forderte Belgien bei den Verhandlungen des Versailler Vertrages, die komplette Strecke unter belgische Verwaltung zu stellen. So kommt es, dass der Streckenverlauf der Vennbahn noch heute einige deutsche Orte von Deutschland trennt. Denn 1920 wurde beschlossen, dass sowohl die Zugstrecke als auch die Bahnhöfe Belgien zugeschrieben werden. Wer also vom belgischen Raeren über die deutschen Orte Roetgen und Monschau ins belgische Sourbrodt fährt, passiert kein einziges Mal eine Grenze.

Bei Roetgen und Monschau ist deutlich zu erkennen, wie die (belgische) Strecke durch Deutschland verläuft und so mehrere (deutsche) Exklaven schafft.
Rot: die Strecke der Vennbahn. Bei Roetgen und Monschau ist deutlich zu erkennen, wie die (belgische) Strecke durch Deutschland verläuft und so mehrere (deutsche) Exklaven schafft.
Quelle: Wikipedia

Von der Zugstrecke zur Fahrradstrecke

Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten einige Faktoren für den Rückgang der Vennbahn. Zum einen wurden einige Streckenabschnitte durch den Krieg schwer in Mittleidenschaft gezogen. Zum anderen waren die neu eingeführten Zölle, wodurch Luxemburg sich mehr an Frankreich orientierte und somit immer weniger Waren über die Vennbahn transportiert wurden. Ein weiterer Grund war das Auto und der Bus, der dem Zug als Transportmittel immer mehr vorgezogen wurde. Somit wurde die Vennbahn zuerst für den Gütertransport und später auch für den Personenverkehr stillgelegt. Lediglich für touristische Zugfahrten wurden einige wenige Strecken noch bis 2001 genutzt. Als auch damit Schluss war, entschied man sich die ehemalige Zugstrecke in einen Radwanderweg um zu gestalten.

Mit dem Fahrrad entlang und auf den alten Schienen unterwegs

Vorbereitung

Die nächste Einstiegsstelle in den Vennbahnweg ist für mich am alten Bahnhof in Raeren. An allen „Haltestellen“, die entlang der Strecke an den ehemaligen Bahnhöfen und Haltestellen der Vennbahn eingerichtet wurden, stehen Informationstafeln. Auf diesen sind der komplette Streckenverlauf, das Höhenprofil und eine kommentierte Karte der näheren Umgebung abgebildet.

Informationstafeln wie diese stehen überall entlang der Strecke und informieren über Streckenabschnitt und den Ort in dem man sich gerade befindet.
Informationstafeln wie diese stehen überall entlang der Strecke und informieren über Streckenabschnitt und den Ort in dem man sich gerade befindet.


Bei meiner ersten Fahrradtour von Raeren nach Monschau habe ich mich nur an diesen Informationstafeln orientiert. Wobei es nicht wirklich kompliziert ist, da der Streckenverlauf sehr eindeutig ist und man sich überhaupt nicht verfahren kann.
Um sich die Strecke im Voraus jedoch schon einmal an zu schauen, kann ich nur die Website des Vennbahnwegs empfehlen. Dort werden neben der Strecke und einiges an Kartenmaterial auch was zur Geschichte der Vennbahn erzählt. Außerdem kann man sich über aktuelle Ereignisse (wie zBsp. Streckensperrungen) informieren. Da ich im Hohen Venn schon des Öfteren kein Netz hatte, und mir also eine Website oder eine Online-Karte nicht viel gebracht haben, besorgte ich mir auch noch eine „richtige“ Karte. Diese kann man online auf der Website bestellen und nach hause schicken lassen. Man kann sie aber auch im Buchhandel oder bei den Touristeninfostellen entlang der Strecke kaufen.

Sattelt den Drahtesel…

Der Vennbahnweg ist eine äußerst angenehme Strecke zum Fahrradfahren. Meine erste Strecke von Raeren nach Roetgen war ausnahmslos bergauf. Das sah aber auf dem Höhenprofil wesentlich schlimmer aus als es in Wirklichkeit ist. Man merkt zwar, dass dieses Stück leicht in die Höhe geht, aber man kann sie gemütlich ohne viel Anstrengung meistern.
Im Durchschnitt hat die gesamte Strecke der Vennbahn eine Steigung von 2-3%. Das ist zwar sehr wenig, wird aber sichtbar dadurch, dass der Streckenverlauf eher an einen mäandernden Fluss erinnert als eine Zugstrecke. Man schlängelt sich sozusagen das Venn hoch und auch im Venn überwindet man die Höhenmeter in großen und kleinen Bögen.

Am Bahnhof von Raeren ist noch vieles der Vennbahn erhalten geblieben.
Am Reaerener Bahnhof erinnern noch Signale und Schienen an die alte Vennbahn

Belgischer Weg umringt von deutschem Wald….

Das Teilstück zwischen Raeren und Roetgen ist geprägt von dichtem Wald. So kann man auch gut den kuriosen Grenzverlauf zwischen Belgien und Deutschland erkennen. Auf dem Weg, oder besser gesagt auf dem alten Bahndamm, auf dem die Schienen durch einen Radweg ersetzt wurden, befindet man sich in Belgien. Der Wald links und rechts von dem Bahndamm gehört zu Deutschland.

Die Strecke zwischen Raeren und Roetgen führt durch dichten Wald.
Zwischen Raeren und Roetgen ist noch gut zu erkennen, dass hier einmal ein Zug gefahren ist. Der Asphalt und das Rasenstück daneben ist belgisch, der Wald rechts und links in Deutschland.

Quer durch den Naturpark

Hat man einmal den Ortskern von Roetgen passiert, fährt man Richtung Monschau immer tiefer in den Naturpark Hohes Venn – Eifel. Die Landschaften wechseln nun immer wieder zwischen tiefem Wald und weiten Wiesen ab. Dabei fährt man an kleineren und größeren Ortschaften wie Lammersdorf, Konzen und Mützenich vorbei, in denen jeweils wieder eine Haltestelle mit Bänken und Informationstafeln zu finden sind. Am Bahnhof Monschau gibt es die Möglichkeit über eine 1,5km lange Nebenstrecke hinunter in den malerischen Ort zu fahren. Doch meine erste Etappe endete hier und ich fuhr zurück nach Raeren zu meinem Auto.

Die Weiten des Hohen Venns

Meine zweite Etappe fuhr ich vor einigen Wochen zusammen mit meinem 6-jährigen Sohn. Während das Teilstück zwischen Roetgen und Monschau von tiefen Nadel- und Mischwäldern geprägt ist, erstrecken sich ab Kalterherberg bis Sourbrodt die Weiten des Hohen Venns. Auf diesem nun gänzlich in Belgien verlaufenden Stück der Strecke begleiten einen auch wieder die alten Schienen der Vennbahn. Hier werden die Schienen auch wirklich noch als solche benutzt. Denn von Leykaul (bei Kalterherberg) bis Sourbrodt kann man mit Draisinen quer durch den Naturpark radeln. Fahrradfahrer und Wanderer müssen jedoch aus Naturschutzgründen auf einigen Kilometern einer alternativen Route folgen. Trotz den kleinen Steigungen war die 15km lange Strecke auch für meinen Sohnemann einfach zu fahren.

Gemütlich durch die belgische Eifel

Eine dritte Etappe fuhr ich wieder zusammen mit meinem Sohn von Sourbrodt bis nach Born. Der Großteil der Strecke geht bergab. Dabei kann man die abwechslungsreiche Landschaft genießen. Auf dem Stück von Sourbrodt nach Weywertz fährt man durch landwirtschaftliche, aber auch waldreiche Regionen. Am Wegesrand zieht man an viele stumme Zeugen der Vennbahn vorbei. Es wurden Schienen erhalten, Wagons oder Dampfloks stehen am Wegesrand und man kann hier und dort noch gut die Bahnsteige der ehemaligen Bahnhöfe erkennen. Auf den Informationstafeln an den verschiedenen Haltestellen findet man auch alte Fotos und viele interessante Informationen über die jeweiligen Überbleibsel. Weiter ging es dann nach Waismes. Hier kreuzt sich der Vennbahnweg mit dem Ravel L45 nach Malmedy. Über Montenau, wo man direkt entlang der Montenauer Schinkenräucherei vorbei fährt, geht es ins Ameltal. Geendet hat unsere Etappe in Born. Dort verläuft der Vennbahnweg unter der Freiherr von Korff-Brücke. Dieses alte Viadukt mit seinen 11 Bögen war einst Teil einer Zugstrecke nach Vielsalm (Foto folgt).

Bei Weywertz hat man auf der Strecke immer mal wieder die Möglichkeit die hügelige Aussicht zu genießen.
Bei Weywertz hat man auf der Strecke immer mal wieder die Möglichkeit die hügelige Aussicht zu genießen.

Fazit

Ich bin zwar noch nicht die komplette Strecke des Vennbahnweges gefahren, konnte mir aber schon ein gutes Bild machen. Auf der ersten Etappe von Raeren nach Monschau merkte man zwar die ununterbrochene Steigung, aber da sie nur sehr schwach war, empfand man sie nicht als schwer. Landschaftlich hat mir die Etappe zwischen Monschau und Sourbrodt sehr gut gefallen. Dort fuhr man quasi quer durch den Naturpark Hohes-Venn Eifel. Auch die Tatsache, dass ein Großteil entlang der „echten, alten“ Schienen verläuft, hatte einen gewissen Charme.
Was mich an der Strecke zwischen Sourbrodt und Born positiv überraschte, war die Tatsache, dass man trotz der sehr hügeligen Umgebung auf einer sehr ebenen Strecke fuhr. Mühelos kann man so viele Kilometer in wenigen Stunden schaffen.
Ich werde demnächst irgendwann auf jeden Fall noch die übrigen Strecken des Vennbahnweges (Born-Ufflingen und Raeren-Aachen) abfahren, da ich gespannt bin welche Überraschungen es dort zu entdecken gibt!

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