Ein Spaziergang durch das alte Hafenviertel von Brüssel

Jedes Jahr im September findet die europäische Woche der Mobilität statt. Dies ist dann auch der Anlass an einem Sonntag in vielen belgischen Städten die Autos aus der Stadt zu verbannen. An diesem autofreien Sonntag gehören auch die sonst so vollen Straßen Brüssels den Fahrradfahrern und Fußgängern. Überall werden Konzerte, Märkte und Feste auf den Straßen veranstaltet und in jedem Viertel feiert man ein großes Straßenfest.

Eines davon befindet sich im alten Hafenviertel nordwestlich der Altstadt. Da dieses ohnehin schon sehr verkehrsberuhigte Viertel nun komplett autofrei sein sollte, begab ich mich dorthin, um diese Wanderung zusammen zu stellen. Was das Viertel vor allem sehr gemütlich und sehenswert macht, sind die viele Überbleibsel des ehemaligen Hafens aber auch die neuen Gebäude entlang des heutigen ABC-Kanals, der Antwerpen über Brüssel mit Charleroi verbindet.

Alte Lagerhäuser entlang des ABC-Kanals, der Antwerpen über Brüssel mit Charleroi verbindet.

Die Wanderung

Die Wanderung startet am Marché aux Poissons und führt dann durch das ganze Viertel bis zum heutigen Kanal und wieder zurück zum Fischmarkt. Am einfachsten erreicht man den Marché aux Poissons mit der Metro 5 oder 1 (Station Saint-Catherine). Doch auch zu Fuß ist der Platz schnell von der Grand Place aus zu erreichen.

Marché aux Poissons

Der heutige Platz mit den 2 Wasserbecken an den Enden wurde früher Bassin de Marchands – Becken der Kaufleute- genannt. Es wurde 1560-1561 ausgegraben und 1878-1911 in mehreren Etappen wieder zugeschüttet. Im Süden lag der Fischmarkt, der 1955 abgerissen wurde. Die zwei neu angelegten Wasserbecken lassen die Größe des damaligen Docks auch heute noch vermuten.

Dort wo jetzt der Platz ist, war einst ein großes Hafenbecken direkt am Fischmarkt.

Der Obelisk mit Brunnen in nördlichen Becken ist zum Andenken an den Brüsseler Bürgermeister J. Anspach erschaffen worden. Ursprünglich stand er am Place de Broukère im Stadtzentrum, musste dort jedoch den Arbeiten zur Erschaffung der Metro weichen und wurde auf dem Marché aux Poissons wieder aufgestellt.

Ein Indiz dafür, dass man sich im alten Hafenviertel befindet, sind auch die Straßennamen wie Quai / Kaai. An der Quai aux Briques und an der Quai au Bois à Brûler stehen Häuser mit neoklassizistischen Giebeln, von denen einige noch aus dem 17. Jahrhundert stammen. Das Haus in Quai aux Briques 90 (Het Zeepaard / Le Cheval Marin) von 1680 war früher eine Herberge für Schiffsleute und die Amtswohnung des Hafenmeisters. Es ist eines der markantesten Gebäude am Platz.

Das Ansbach Denkmal im Becken am Marché aux Poissons

In der Mitte des Platzes steht ein altes Zahnrad, welches einst an einer der Drehbrücken im Hafen angebracht war. Es wurde bei Ausgrabungsarbeiten zum unterirdischen Parkplatz entdeckt. Heute ist der Platz vor allem für seine zahlreichen Fischrestaurants bekannt. Im Winter findet hier auch der größte Weihnachtsmarkt Brüssels statt.

Fischrestaurants säumen den südlichen Teil des Platzes

Vom Platz aus geht man weiter in Richtung der Kirche Saint-Catherine, die an dessen südlichen Ende steht.

Sainte-Catherine

Dort wo heute die Kirche Saint-Catherine steht, befand sich früher das Bassin Saint-Catherine das mit dem Bassin de Marchands, dem heutigen Marché aux Poissons verbunden war. Mit einem hölzernen Kran, der am Ende des Beckens stand, konnten hier vor allem schwere Güter von den Schiffen verladen werden. Nachdem das Becken 1853 zugeschüttet wurde, errichtete man auf der neu entstandenen Fläche eine Kirche. Die alte Kirche aus dem 14. Jahrhundert wurde einige Zeit vorher abgerissen, da ihre Fundamente in dem feuchten Untergrund des Hafenviertels langsam einsanken. Lediglich der Turm der alten Katharinenkirche ist bis heute erhalten und steht etwas isoliert neben der Kirche. Ein Kuriosum ist das Pissoir, das an der Außenfassade der Kirche angebracht wurde.

Die Kirche Saint-Catherine und der alte Turm rechts.

Umringt wird die Kirche auch heute noch von alten Hafengebäuden aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dies ist vor allem an den Giebeln zu erkennen, die teilweise mit maritimen Elementen dekoriert sind. Hinter der Kirche befindet sich der kleinere Place Saint-Catherine. Das auffälligste Gebäude am Platz ist ein zwischen ein Hotel eingezwängter alter Turm. Dieser Tour Noir ist ein Teil der Brüsseler Stadtbefestigung und ist heute der am besten erhaltenen Bau dieser Art in der ganzen Stadt.

Der Turm ist ein Überbleibsel der alten Stadtmauer

Die Wanderung führ nun vom Place Saint-Catherine weiter über die Place du Samedi in die Rue du Cyprès, bis man sich am Place du Béguinage vor der barocken Kirche Saint-Jean-Baptiste befindet.

Place du Béguinage

Ein Teil des ehemaligen Hafengebiets gehörte ursprünglich zum 1250 gegründeten Großen Beginenhof. In deren Mitte stand die Barockkirche zu Johannes dem Täufer von 1676. Die Kirche gilt als eine der schönsten flämisch-italienischen Barockbauten. Dies ist unter anderem sofort an der dreigeteilten, reich verzierten Fassade zu erkennen.

Die Fassade der Barockkirche Johannes der Täufer dominiert den ganzen Platz

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurden Teile des Beginenhofs den Beginen abgekauft und abgerissen. Das Krankenhaus wurde in einem neoklassizistisches Armenhaus umgebaut. Heute befindet sich dort das Altersheim Institut Pacheco. In der Rue du Béguinage (Hausnummer 9 und 15-17) sind heute noch einige der alten Beginenhofhäuser zu sehen.

Das Institut Pacheco in der Bildmitte.

Weiter geht die Wanderung durch die Rue du Béguinage mit einem kleinen Abstecher zum Institut Pacheco in der Rue du Grande Hospice zurück zum Marché aux Poissons. Dort biegt man rechts in die Quai à la Houille, die ein Stück weiter in die Quai à la Chaux über geht.

Bassin des Barques

Auf der linken Seite, dort wo sich nun ein kleiner Park mit Spielplatz befindet, lag früher das Bassin des Barques – das Becken der Boote. Hier nahmen Reisende früher die Boote nach Vilvoorde, Mechelen oder Antwerpen. Auch hier sind viele Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert entlang der Quais und der anliegenden Straßen zu finden. Sehenswert sind die Gebäude in der Quai aus Bois de Construction Nr. 1,2,5,9 und 10 mit ihren schmucken Giebeln aus der Glanzzeit des Hafenviertels.

Alte Kaufmannshäuser findet man im ganzen alten Hafenviertel

Ein weiteres altes Hafenbecken, das Bassin De L‘ Entrepôt, – das Becken der Lagerhäuser- befand sich zwischen dem Quai au Foin und dem Quai aux Pierres de Taille. Es wurde 1639 in einem sumpfigen Gebiet ausgehoben und mit dem Bassin des Barques verbunden. Sein Name bekam es wegen der vielen Warenhäuser und Magazine die in der direkten Nähe lagen. Das Sehenswerteste davon ist das Théatre royal flamand oder Koninklijke Vlaamse Schouwburg.

Die Rückseite der Koninklijke Vlaamse Schouwburg war einst die Fassade des Waffenarsenaals am Hafenbecken

Es wurde 1779 als Warenhaus errichtet, diente jedoch ab 1860 als Waffenlager der Armee. An der heutigen Rückseite des Theatergebäudes erkennt man noch gut die alte Fassade des Arsenals. Die damalige Rückseite wurde 1883 dann komplett umgebaut und auch das Innere in einem Theater umgewandelt. Von da an war der Eingang des Theaters an der Rue de Laeken. Die im Baustils des Eklektizismus errichtete Fassade sticht mit seinen mit Schmiedeeisen bewehrten Terrassen und den zahlreichen Verzierungen besonders ins Auge.

Die heutige Vorderseite des Kooninklijke Vlaamse Schouwburg

Die Wanderung führt nun über die Quai au Foin wieder zurück bis zur Quai du Commerce. Dieser folgt man bis zum Place D’Yser. Dort befand sich früher das Hafenviertel am Grand Bassin.

Grand Bassin

Im sogenannten „Quartier Maritime“ (heute das Viertel um den Quai du Commerce und die sich kreuzenden Boulevard D’Ypres und Boulevard de Dixmude), das auf dem alten Handelsdock „Grand Bassin“ ab 1920 errichtet wurde, befinden sich noch viele Art-Déco Bauten. Das Viertel ist auch heute noch sehr auf den ansässigen Großhandel ausgebaut. Im alten Grand Bassin konnten bis zu 150 Schiffe gleichzeitig be- und entladen werden. Im Westen des Beckens befand sich eine Schiffswerft.

Heute zeugen noch einige größere Bauten von dem einst geschäftigen Hafenviertel. Das ehemalige Farbikgebäude der „Manufacture Générale A. Charlet et Cie“ in der Quai du Commerce 46-50 ist ein typisches Art-Déco Bauwerk der 1920er für eine damalige Fabrik mit integrierten Wohnungen. Das 13-stöckige Hochhaus „Le Saillant de l’Yser“ im Boulevard de Dixmude 32-24 ist ein weiteres Aushängeschild im Stil des Art-Déco. Das 1930 fertiggestellte Gebäude erinnert an einen Straßenzug in Paris. Es sollte damals die Bourgeoise in dieses Viertel locken und wurde deswegen von den französischen Architekten den typischen Pariser Wohnungsbauten nachempfunden.

Das 13-stöckige Wohnhaus „Le Saillant d’Ypres“

Das Letzte Stück der Wanderung führt vom Square Sainctelette über den Boulevard du Neuvième Ligne entlang des Kanals in die Rue de la Forêt d‘ Houthulst.

Hier trifft man auf den heutigen Kanal Brüssel-Charleroi. Das alte Industrieviertel, mit ehemaligen Brauereien und großen Lagerhallen entpuppte sich in den letzten Jahren zu einem kleinen Szeneviertel. Die alten Industrieanlagen werden langsam zu Hotels, Museen, Lofts und Geschäften umgebaut und ganz in der Nähe sorgt jeden Sommer der Stadtstrand „Bruxelles les Bains“ für ein maritimes Feeling.

Der Kanal Brüssel Charleroi. Alte Gebäude wurden renoviert und durch neue ergänzt.

Über den Boulevard entlang des Quai au Bois de Construction geht es dann wieder zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung am Marché aux Poissons. Hierbei passiert man auf der rechten Seite noch einige markante Gebäude des Hafenviertels mit den typischen Treppengiebeln und alten Magazintüren in der Fassade.

Andy

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