Flämische Beginenhöfe – Orte der Ruhe

Die flämischen Beginenhöfe wurden 1998 als erstes belgisches UNESCO-Weltkulturerbe in die Liste des Welterbes aufgenommen. 13 flämische der insgesamt 26 noch vorhandenen Beginenhöfen in Belgien wurden damals der Liste hinzugefügt. Wer sie bewohnt, was sie so besonders macht und warum sie als „Orte der Ruhe“ seit Jahrhunderten besucht werden, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Die Beginen

Zuerst einmal ist es hilfreich, zu wissen wer die Beginen, die Bewohnerinnen der Beginenhöfe, waren. Als Beginen bezeichnet man Frauen, die sich aus privaten, religiösen oder gesundheitlichen Gründen von der restlichen Gesellschaft absetzen wollten. Dies allerdings ohne in ein Kloster gehen zu müssen. Demnach behielten sie auch ihre Bürgerrechte und bestimmten vieles in ihrer Lebensführung selber. Es waren meistens ältere, unverheiratete oder verwitwete Damen, die in einfachen Verhältnissen lebten. Doch auch junge Frauen traten der christlichen Gemeinschaft bei.
Dies klingt alles sehr mittelalterlich, aber die letzte Begine starb erst 2013 und lebte bis zu ihrem Tode im Beginenhof von Kortrijk.

Der Beginenhof von Kortrijk. hier lebte bis 2013 die letzte Begine.
Der Beginenhof von Kortrijk. Hier lebte bis 2013 die letzte Begine. Mit ihr starb eine 800 Jahre alte Tradition.

Das Leben in einer Beginengemeinschaft

Um in eine Beginengemeinschaft aufgenommen zu werden, muss man all sein Hab und Gut der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Darüber hinaus übt man eine Tätigkeit aus, die der Allgemeinheit nutzt. So sind viele Beginen in der Alten- und Krankenpflege tätig oder unterrichten. In den Beginenhöfen nehmen sie auch verschiedene Funktionen an, die das tägliche Leben der Gemeinschaft regelt. Einige von ihnen üben auch handwerkliche Tätigkeiten, wie Nähen, Stricken und Klöppeln aus. Im Laufe der Zeit entwickelten sich so folgende „Berufe“ innerhalb eines Beginenhofes, die je nach Größe der Gemeinschaft an Anzahl variierten:

Die Beginen waren vor allem Selbstversorger. Im Beginenhof von Hoogstraten ist dies noch gut an den vielen Gemüsegärten zu erkennen.

Die oberste Begine (grootjuffrouw)

Sie übernahm eine leitende Funktion im Beginenhof. Sie entschied über die Neuzugänge der Gemeinschaft und der Verwendung der Gelder, die die Beginen als Gemeinschaft besaßen. Die oberste Beginen wurde von allen Beginen zu ihrem Amt gewählt. Sie lebte in dem meist größeren Hauptgebäude eines Beginenhofs.

Die Begine des Hospitals (juffrouw van het hospitaal)

An zweiter Stelle stand die Begine des Hospitals. Sie war zum einen zuständig für die Versorgung der Beginen. Zum anderen war sie eine Art Schatzmeisterin und die Buchführerin der Gemeinschaft.

Die Küsterin (juffrouw van de kerk)

Die Küsterin wiederum kümmerte sich um alle kirchlichen Dinge. Sie war für den Chor und die Vorbereitung der Messen verantwortliche, ebenso wie für die Ausgaben und Einnahmen der Kirche innerhalb der Gemeinschaft.

Die Kirche spielte eine große Rolle in der Gemeinschaft der Beginen. Oft stand sie, wie hier in Sint-Truiden sehr zentral im Beginenhof.
Die Kirche spielte eine große Rolle in der Gemeinschaft der Beginen. Oft stand sie, wie hier in Sint-Truiden sehr zentral im Beginenhof.
Der Beginenhof von Lier scheint wie ein Dorf um die Beginenhofkirche gebaut worden zu sein.

Die Pförtnerin (portierster)

Ein weiterer Beruf war der der Pförtnerin. Ihre Rolle bestand darin morgens die Tore zum Beginenhof zu öffnen und sie bei Sonnenuntergang wieder zu schließen. Außerdem kontrollierte sie wer den Beginenhof betrat und wer ihn wann und wie oft verlies. Zusätzlich notierte sie alle notwendigen Besucher wie Handwerker, Lieferanten oder Gäste in eine Art Gästebuch.

Der Beginenhof in Diest hat ein besonders schönes Portal.
Der Beginenhof in Diest hat ein besonders schönes Portal.

„Sittenschwester“ (juffrouw van het convent)

Wie in jeder Gemeinschaft gibt es auch eine Person die nach dem Rechten schaut. Die Aufgabe der „Sittenschwester“ war es also zu kontrollieren ob alle Mitglieder der Gemeinschaft sich an die geltenden Regeln hielten. Andererseits half sie auch Neuzugängen bei der Integration.

Eigentümerinnen – Mieterinnen – Arbeiterinnen

Neben den verschiedenen Berufen und Funktionen innerhalb der Beginengemeinschaft gab es noch unterschiedliche Ränge in der Lebensweise. Einerseits gab es Beginen, die durch Bau oder Kauf Eigentümer ihres Wohnsitzes waren. Diese vermieteten den Beginen ohne Eigentum eine Wohnung oder einige Zimmer. Daneben gab es dann noch diejenigen, die weder Eigentum noch die Mittel hatten eine Miete zu zahlen. Diesen sehr armen Beginen wurde ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Als Gegenleistung sorgten sie für das häusliche Wohl der Gemeinschaft als Köchin, Hausmeisterin oder Putzhilfe.

In Gent besteht der Beginenhof aus größeren und kleineren Häusern, die teilweise vermietet wurden.

Der Beginenhof

Aber was macht nun den Beginenhof so besonders? Warum verkörpern sie auch heute, fast 800 Jahre später, noch diesen ruhigen, magischen Ort, den im Mittelalter hunderttausende Beginen aufsuchten und den Rest ihres Lebens opferten?
Generell kann man sagen, das Beginenhöfe schon rein architektonisch einen Ruheort bilden. Meistens liegen sie am Rand der Altstadt und sind deutlich von ihr durch eine Mauer oder eine Gracht getrennt. Es ist wie eine Art Dorf in einer Stadt. Diese räumliche Begrenzung sorgt für ein vertrautes und heimisches Bild. Da die Beginen keinen Wert auf Reichtum und Macht legten, waren ihre Höfe auch schlicht und einheitlich gehalten. Dies verleiht dem ganzen Gebäudeensemble eine sehr harmonische Ausstrahlung.
Dennoch unterscheidet man bei den Beginenhöfen folgende 3 Typen:

Typ 1: „Stadt in der Stadt“

Der Aufbau der Beginenhöfe des ersten Typs ähnelt sehr dem einer (mittelalterlichen) Stadt. Er besteht aus vielen Gassen, Plätzen und einer zentral gelegenen Kirche oder Kapelle. Natürlich sind die Zugänge mit mächtigen Pforten versehen. Meistens sind sie direkt an den historischen Stadtkern angegliedert oder wurden im Laufe der Jahrhunderte vom Rest der Stadt umbaut, ohne ihren eigenen Charakter verloren zu haben.

Der Beginenhof von Tongeren ist ein typischer Vertreter des städtischen Typs.
In Mechelen trennen innerhalb des Beginenhofes kleine Schutzmauern die einzelnen Häuser nochmal ab.

Typ 2: Zentraler Platz

Bei diesem Typ gibt es in der Mitte des Beginenhofes einen zentralen Platz. Dort befindet sich meistens auch eine Kirche oder Kapelle. Rund um den Platz sind die einzelnen Häuser der Beginen gebaut. Manche Beginenhöfe erinnern an eine Art Arbeitersiedlung, wie sie auch nach und während der industriellen Revolution entstanden.

Der Beginenhof von Dendermonde wirkt wie eine alte Reihenhaussiedlung.
In Turnhout ist der zentrale Platz mit großen, schattenspendenden Bäumen bepflanzt.

Typ 3: Gemischte Beginenhöfe

Wie der Titel es schon vermuten lässt, handelt es sich bei dem dritten Typ um Beginenhöfe, die sowohl einen zentralen Platz als auch eine städtische Struktur haben. Die einen sind aus dem zweiten Typ entstanden und wurden erweitert, sodass sich rund um den Platz ein kleines Städtchen entwickelt hat. Die anderen waren erst eher ein Beginenhof des ersten Typs und wurden durch einen großen Platz ergänzt.

Der Beginenhof in Brügge hat einen zentralen Platz. Drumherum stehen in kleinen Gassen die Beginenhäuser.
Auch der Beginenhof von Leuven zählt mit den vielen Gassen und einem zentralen Platz zu den gemischten Beginenhöfen.

Die Beginenhöfe liegen meistens versteckt

Solltet ihr also demnächst in einer flämischen Stadt unterwegs sein, begebt euch auf die Suche nach den Beginenhöfen. Denn wie gesagt, neben den 13 Beginenhöfen die in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurden, gibt es noch 13 weitere in Belgien. Das will aber nicht heißen dass diese weniger sehenswert sind als die aus der UNESCO-Welterbeliste. Viele der Beginenhöfe werden heute als ganz normale Wohnungen benutzt. In Leuven hat man ihn ab den 1970ern sogar in ein Studentenwohnheim umgebaut und somit vor dem Verfall gerettet. Andere Beginenhöfe, wie die in Brügge, Kortrijk und Dendermonde, beherbergen ein Museum. In vielen Beginenhöfen befindet sich mittlerweile auch Gastwirtschaften in denen man gemütlich etwas Trinken und Essen kann.
Doch was am wichtigsten ist: durch den Erhalt dieser einmaligen Kulturstätten ist in den meisten flämischen Städten ein Ruhepol geblieben, den man in vielen anderen, moderneren Städten vergebens sucht.

Schreibe einen Kommentar