Hoch oben über dem Fluss – Festungen entlang der Maas

Seit Jahrzehnten gehören sie schon zum wallonischen Kulturerbe, seit einigen Jahren warten sie nun darauf auch in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen zu werden. Die alten Zitadellen entlang der Maas dienten über Jahrhunderte der Verteidigung der Städte. Sehr gut erhalten sind die Zitadellen von Huy, Namur und Dinant. Doch auch die ehemalige Zitadelle von Lüttich kann noch gut erahnt werden, auch wenn sie in den 1970ern einem Krankenhaus gewichen ist.
Die Maas verbindet diese Festungen zwar, jedoch hat jede der vier seine eigene Geschichte. Diese und was es sonst in, um und hinter den Festungsmauern zu entdecken gibt, erfahrt ihr nun hier.

Wie die Festungen an die Maas kam – Geschichtliches

Seit jeher ist die Maas einer der wichtigsten Flüsse im mittleren Westeuropa. Seit dem Mittelalter festigten sich dort auch einige Städte. Lüttich und Namur waren schon immer wichtige Handels- und Verwaltungsorte. Doch auch die beiden kleineren Orte, Huy und Dinant, haben eine lange Siedlungsgeschichte.
Die Maas spielte dabei natürlich eine große Rolle. Denn neben den Handelswegen zu Lande war auch der Fluss eine geschäftige Route zwischen den Städten. Somit wuchsen die Orte immer mehr zu kleinen oder größeren Städten heran. Was die vier Städte damals schon gemeinsam hatten, war eine Kirche, eine Brücke über die Maas und ihre Lage am Fuße eines Felsvorsprungs über der Maas. Das alles waren gute Voraussetzungen reiche und wichtige Städte zu werden. Mit der Zeit wurde es immer wichtiger sich vor Feinden zu schützen. So baute man auf den hochgelegenen Felsvorsprüngen eine Festung. Diese wurde im Laufe der Jahrhunderte immer weiter zu einer richtigen Zitadelle ausgebaut.

Die Zitadelle von Dinant liegt strategisch sehr vorteilhaft auf einem Felsvorsprung über der Maas.

Dinant

Das kleine Städtchen Dinant ist die erste Festungsstadt, der man entlang der Maas von Frankreich aus begegnet. Direkt an den Ufern stehen dort am Fuße des Berges in schmalen Gassen die Häuser bis an den Felsen. Die Notre-Dame Kirche sticht dabei mit ihrem Zwiebelturm sofort ins Auge. Bekannt wurde Dinant schon im späten Mittelalter wegen seines Messinghandwerks. Die Dinanderien, gegossene und aus Blech gearbeitete Messingwaren, sind auch heute bei Kunstliebhabern beliebte Sammelobjekte. Seit dem Mittelalter sind sie in ganz Europa zu finden, wie zum Beispiel als Leuchter im Mailänder Dom.
Ein trauriges Kapitel der Geschichte Dinants ist das Massaker vom August 1914 zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Damals wurden fast 700 Einwohner des Städtchens getötet und weite Teile der Stadt zerstört.

Die Cathedrale Notre- Dame ist das dominierende Gebäude der Stadt.
Die Cathedrale Notre- Dame ist das dominierende Gebäude der Stadt.

Die Zitadelle von Dinant

Egal wo man sich in der Stadt befindet, die Zitadelle ist überall immer irgendwie sichtbar. Von den Ufern der Maas bietet sich ein herrliches Panorama mit der Kirche im Vordergrund und der Festung oben auf dem Felsen. Wer möchte kann entweder mit einer Seilbahn auf die Zitadelle fahren oder eine der längsten Treppen Belgiens (408 Stufen) hinaufsteigen. Seit dem Zweiten Weltkrieg befindet sich in der Zitadelle ein Waffenmuseum.
In der Vergangenheit wurde die Zitadelle mehrmals, vor allem von den Franzosen, angegriffen und zerstört. Das heutige Gebäude ist das Werk der niederländischen Besetzung Belgiens im 18. Jahrhunderts. Damals erkannte man wie wichtig dieser Standort als Verteidigung der Stadt gegen französische Angriffe war.

Hoch oben über Dinant thront die Zitadelle auf einem Felsvorsprung.
Hoch oben über Dinant thront die Zitadelle auf einem Felsvorsprung.

Namur

Namur ist seit der Entstehung Belgiens Mitte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Ort der wallonischen Bevölkerung Belgiens. Deswegen wurde es auch als Hauptstadt der Wallonie gewählt. Mehr zu den Sehenswürdigkeiten Namurs könnt ihr in dem eigens dafür angelegten Blogbeitrag finden. Was jedoch auf jeden Fall zu einem Besuch in Namur dazu gehört, ist ein Spaziergang durch die Zitadelle.

Die Zitadelle von Namur

Namur gilt seit der Steinzeit schon als interessanter Siedlungsort. Denn dort wo die Sambre in die Maas fließt, erstreckt sich nur wenige hundert Meter neben der Mündung ein großer, steil anlaufender Berg.
Es war also ein perfekter Standort eine Stadt zu gründen. Als diese dann immer weiter wuchs, errichtete man im Mittelalter auf dem Berg eine Burg. Auch heute noch sind Überreste davon zu finden. Mit der Zeit wurde die Festungsanlage rund um die Burg immer weiter ausgebaut. Heute gehört die Zitadelle von Namur zu den größten noch bestehenden Zitadellen in Europa. Sie ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt.

Die Zitadelle von Namur erhebt sich auf einem Berg an der Mündung der Sambre in die Maas.
Die Zitadelle von Namur erhebt sich auf einem Berg an der Mündung der Sambre in die Maas.

Die alte Burg Château des Comtes

Fast alle Festungen entlang der Maas sind aus mittelalterlichen Burgen entstanden. Über verschiedene Etagen und Treppen oder Aufgänge erreicht man den ersten, tiefsten Teil der Zitadelle. Er ist nach einem Wehrturm (Donjon) benannt. An der Spitze des Felsenvorsprungs stand einst die Burg der Grafen von Namur. Deren Wehrtürme sind die einzigen Überreste dieser Burg. Außerdem sind noch Teile der mittelalterlichen Umwallung und die Schutzgräben gut sichtbar. Von den unterschiedlichen Terrassen, die den Donjon umgeben, hat man eine herrliche Aussicht über die Stadt, die Maas und die Sambre. Kein Wunder, dass man diesen Standort zur Verteidigung immer weiter ausbaute.

Einer der alten Wehrtürme des Château des Comtes

Die Festungsanlage Médiane

Ein Graben trennt den Bereich der ehemaligen Burg von dem dahinterliegenden Plateau ab. Nur ein Tor und eine Brücke verbinden die Burg mit dem nächsten Teil der Zitadelle, der Médiane. Im 16. Jahrhundert wurde die Festungsanlagen hinter der Burg immer weiter ausgebaut. Im großen Stil errichtete man große Mauern, Übungsplätze für die Soldaten, Kasernen und unterirdische Gänge, Räume und Lager. Napoleon nannte die Médiane deswegen einst „Termitennest Europas“. In einem der alten Gebäude haben sich heute das Atelier der Parfümerie G.Delforge und ein edles Restaurant niedergelassen. Beeindruckend ist ein Spaziergang durch diesen Teil der Anlage mit seinen dicken Wehrmauern. Ebenso wie im unteren Teil hat man auch hier eine schöne Aussicht über Namur.

Eine der wenigen Verbindungen zwischen Burg und Médiane.

Die Kasernen von Terra Nova

Ein weiterer, größerer Wehrgraben trennt wiederum die Médiane von der Terra Nova. Nur eine Brücke verbindet die beiden Teile miteinander. Die Terra Nova wurde als Erweiterung der Festungsanlage im 17. Jahrhundert gebaut. Hier befindet sich heute in der ehemaligen Kaserne das Touristische Besucherinformationszentrum. In diesem kann man verschiedene Führungen buchen und sich eine Ausstellung über die Geschichte der Zitadelle ansehen. Außerdem starten hier zahlreiche beschilderte Rundwege durch die gesamte Zitadelle und die kleine Bimmelbahn, die Touristen durch die Zitadelle fährt.
Die Soldaten, die bis weit ins 20. Jahrhundert immer noch in den Festungen entlang der Maas stationiert waren, arbeiteten und übten in der Terra Nova. Erst Ende der 1990er machten sie Platz für die Besucher der vielen unterirdischen Gänge und Räume.

Von der Terra Nova aus hat man eine gute Aussicht über die vorderen Teile der Zitadelle und der Stadt. (Leider bei Regen)

Huy

Die Stadt Huy gehört zu den ältesten in Belgien. Auch hier war es wieder das Metallhandwerk, das die Stadt im Mittelalter berühmt gemacht hatte. Die Zinn- und Kupferschmiedekunst von Huy war weit über die Grenzen bekannt. Ein weiteres Produkt, welches Huy im Mittelalter zu einem Handelsplatz machte, war der Wein. In den steilen Hängen entlang der Maas wurde dieser hier im großen Stil angebaut.
Besonders der alte Kern der Stadt rund um die Notre-Dame Kathedrale und den Grand Place versprühen einen mittelalterlichen Charme. Bei einem Spaziergang durch die kleinen Gassen und Straßen stört eigentlich nur die Sicht auf die Kühltürme und den Rauchsäulen des Atomkraftwerkes im nahen Thiange.

Die vier Wunder von Huy

Bei meinem Besuch in Huy war ich sehr positiv überrascht. Es ist wirklich noch ein Geheimtipp in der Wallonie und sehr sehenswert. Es gibt dort sogar vier Wunder zu entdecken, wovon zwei noch im Originalzustand zu bewundern sind.
Li Pontia; eine steinerne Brücke über die Maas, die allerdings nicht mehr besteht und 1956 erneuert wurde.
Li Tchestia; eine alte Burg auf dem Felsen, die im 18. Jahrhundert abgerissen wurde. Dort steht nun die Zitadelle.
Li Rondia; ein buntes Rundfenster der Kathedrale Notre Dame mit 9m Durchmesser.
Li Bassinia; ein Brunnen auf dem Grand Place von Huy aus dem 15. Jahrhundert.

Die Zitadelle von Huy

Dort wo einst die Burg der Fürstbischöfe von Lüttich (Li Tchestia) gestanden hat, bauten die Niederländer im 19. Jahrhundert eine Zitadelle, die Huy vor Angreifern schützen sollte. Während des Zweiten Weltkrieges diente die Zitadelle den Nazis als Gefängnis und Zwangsarbeitslager. Später wurden vor dort aus auch viele Gefangene in die Konzentrationslager deportiert. Diesem traurigen Kapitel der Stadtgeschichte ist heute in der Zitadelle ein Museum gewidmet. Vieles ist dort noch aus diesen Zeiten erhalten geblieben. Ein teilweise sehr erschreckendes Bild.
Die Seilbahn, mit der man die Zitadelle von der gegenüberliegenden Maasseite erreichen konnte, ist seit einem Helikopterunglück 2012 geschlossen, soll aber 2020 wieder eröffnet werden. Wer dennoch einen Blick über die Stadt, das Maastal und die waldreiche Umgebung genießen will, sollte sich nicht von den steilen Wegen und Treppen hinauf zum Eingang der Zitadelle abschrecken lassen.

Das Innere der Zitadelle von Huy.
Das Innere der Zitadelle von Huy.

Zitadelle von Lüttich

Zu den Festungen entlang der Maas gehört natürlich auch die von Lüttich. Da diese jedoch in den 1970ern größenteils geschleift wurde um Platz zu schaffen für ein modernes Krankenhaus, ist davon nicht mehr viel zu sehen. Dennoch finde ich, sollte die Zitadelle von Lüttich in diesem Blogbeitrag erwähnt werden. Steigt man über die Treppe „Montagne de Buren“ hinauf zu den Überresten der Zitadelle, erreicht man einen weitläufigen Park. In diesem befinden sich nicht nur zahlreiche Mauern der alten Festung, sondern auch Aussichtplätze über Lüttich. Diese Aussichtsplätze zeugen auch heute noch von der wichtigen Funktion der Zitadelle, hoch oben über der Stadt mit Sicht über den Fluss und seinem Tal. Zu schade, dass die Zitadelle nicht auch übrig geblieben ist. Man hätte sicherlich dort oben eine noch bessere Aussicht gehabt. Nun muss man eines der Krankenzimmer der Klinik ergattern um die Sicht über Lüttich genießen zu können.

So, oder so ähnlich hätte die nächtliche Aussicht über Lüttich von der Zitadelle ausgesehen haben können.
So, oder ähnlich hätte die nächtliche Aussicht über Lüttich von der Zitadelle ausgesehen haben können.

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