Industrielehrpfad Kelmis – Heimatgeschichte hautnah

Wenn man Industrielehrpfad hört, denkt man eher an Manchester, den Ruhrpott oder Charleroi. Alte, verlassene Industriegebäude werden abgeklappert und auf Informationstafeln erklärt, was das alles mal sollte. Genau so etwas gab es auch mal alles in Kelmis…

In den letzten Wochen bin ich abends immer wieder mal eine Runde durch den Ort spaziert. Dabei habe ich mir auch zum ersten Mal die Steinsäulen, welche vor einem Jahr überall in Kelmis aufgestellt wurden, genauer betrachtet. Es handelt sich um die 13 Stationen eines Industrielehrpfads. Und diesen bin ich dann auch mal komplett gegangen. Die dabei entstandenen Fotos sind teilweise von meinen Söhnen gemacht worden, die das Ganze als eine Art „Fotoschnitzeljagd“ verstanden haben.

Vor mehr als 100 Jahren…

In Kelmis hätte es im Laufe des Frühjahres und Sommers 2020 viele Aktivitäten rund um seinen 100. Geburtstag gegeben. Wenn da nicht die Covid-19 Pandemie dem ganzen einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. 100 Jahre, ist das nicht etwas jung für einen so großen Ort? Doch, eigentlich geht es auch nicht um den Ort sondern den Namen KELMIS, den dieser seit erst 100 Jahren trägt. Vorher war Kelmis nämlich als Neutral-Moresnet bekannt (hier geht es zu meinem Beitrag dazu). Doch davor nannte man ihn Altenberg und noch davor hies er ganz anders. Aber starten wir erstmal mit der Wanderung.

Start des Industrielehrpfads

Mit der Erklärung des Namen KELMIS fängt der Industrielehrpfad auch an der 1843 errichteten Parkvilla an. Leider befindet sich das alte Gebäude seit einigen Jahren im Umbau. Genutzt wird nur der Hotelneubau direkt neben der alten Villa.
In einer Urkunde aus dem Jahre 1280 findet man das erste mal die Erwähnung eines Ortes namens „KELMS“. Diese umgangssprachliche Bezeichnung für Galmei (französisch Calamine) nahm man im 19. Jahrhundert dann als Grundlage für den neuen Namen. Aus Kelms wurde Kelmis. Auf französisch bediente man sich an der geologischen Beschreibung des angebauten Erzes; La Calamine.

Parkhotel
An dieser alten Villa startet der Industrielehrpfad

Website zur Wanderung

Am Start der Wanderung bietet es sich auch an, den Link über den auf der Informationssäule abgebildeten QR-Code zur Website der Wanderung zu öffnen. Man findet zwar auf der Website nicht viel mehr Informationen als auf den einzelnen Säulen. Jedoch ist dort eine nützliche Karte zu finden, die den genauen Verlauf der Strecke angibt. Außerdem kann man sich die Antworten der Fragen über die Kelmiser Geschichte auf den Steinsäulen anzeigen lassen.

Aus Altenberg wird Galmeiplatz

Es sind nur wenige Schritte bis zur nächsten Station, dem Galmeiplatz. Dort wo heute ein Parkplatz für Wohnmobile, ein Basketballplatz und eine riesige geteerte Freifläche ist, auf der die jährliche Kirmes und andere große Feste stattfinden, war früher die riesige Anhäufung einer Zinkerzgrube. Dieser „Altenberg“, welcher sich direkt neben dem ehemaligen Tagebau befand, wurde jedoch vor 50 Jahren eingeebnet und als Park und Platz umgestaltet. Im Volksmund nennt man den Ort heute immer noch „Koul“, was etwa Grube bedeutet.

Koul
Dort wo früher einmal ein großer Berg mit den Resten des Tagebaus lag, ist heute ein Park und der Galmeiplatz entstanden.


Laut der Beschreibung des Industrielehrpfads soll man, um zur nächsten Station zu kommen, immer der Böschung folgen. Nachdem ich mehrmals dem großen Weg entlang der Böschung gefolgt bin, aber dabei nie der Station 2 begegnet bin, habe ich es auch mal mit den kleinen Trampelpfaden versucht. Und siehe da, tatsächlich, ganz versteckt, mit einer tollen Aussicht findet man zur Station 2.

Sation 2
Die Station 2 des Industrielehrpfads liegt etwas versteckt in einer Böschung.

Nicht alltägliche Aussicht auf alte Gebäude

Bei Station 2 des Industrielehrpfads geht es um die Schlacke, die ein Großteil des Koul-Geländes bedeckt und auch heute noch gut sichtbar ist. Was mich aber noch mehr beeindruckte, war die außergewöhnliche Aussicht auf das alte Direktionsgebäude, welches heute das Museum Vieille Montagne beherbergt. Häufig sieht man nämlich nur die eigentliche Rückseite des Gebäudes, welche an der vielbefahrenen Nationalstraße liegt. Von Station 2 aus hat man jedoch einen prima erhöhten Ausblick über die Front der Direktion und der Galmeihalden im Hintergrund.

Direktionsgebäude
Eine außergewöhnliche Sicht auf das Direktionsgebäude und die dahinterliegende Galmeihalde.

Die Reste einer großen Industrie

Der Zinkerztagebau von Altenberg war einst der größte von ganz Europa. Dies kann man sich leider nicht mehr vorstellen, denn die meisten der riesigen Industriegebäude wurden mit der Zeit dem Erdboden gleich gemacht. So führt der Industrielehrpfad nun von Station 3 und 4 mitten durch das frühere Industriegebiet. Viel davon ist aber leider nicht mehr zu erkennen. Die wenigen sichtbaren Überbleibsel sind noch gut zu erahnen. Gerne hätte ich aber noch mehr davon gesehen, statt den leeren Flächen oder Gewerbegebieten, welche heute dort angesiedelt sind.

Altes Industriegebäude
Eines des wenigen alten Industriehallen beherbergt nun einen Futterhandel.

Szenenwechsel: Kleines ländliches Idyll

Der Industrielehrpfad führt uns nun zu einem Ort, der überhaupt nicht vermuten lässt, dass es direkt in der Nähe einst einen riesigen Tagebau gegeben hat und später die Kamine wie Pilze aus dem Boden schossen. Während wir entlang der Göhl wandern, erstreckt sich neben uns eine große Wiesenfläche, die von Bäumen und kleinen Hecken gesäumt wird. Dahinter erstreckt sich ein Wald. Mittendrin, dort wo zwei Bäche aufeinanderstoßen, steht eine kleine Kapelle. Drumherum liegen vereinzelt in den Wiesen alte Höfe aus hellem Bruchstein.
Die kleine Rochuskapelle wurde 1646 von den Arbeitern des Erzbergwerks, die sich dort ansiedelten, errichtet. Die fast 400 Jahre alte Linde direkt neben der Kapelle diente als Gerichtslinde. Die Kapelle ist eines der ältesten Gebäude von Kelmis und eng mit der Geschichte verbunden. Hier hat das Dorf Kelmis seine Wurzeln.

Die Rochuskapelle bildet den Ursprung des Ortes Kelmis.

Rein in die Natur

Der Weg führt nun immer weiter weg von Kelmis und bietet dabei eine schöne Aussicht über den Ort und seine grüne Umgebung. Außer ein paar Bauernhöfen und vereinzelten Häusern dominieren hier die Wiesen und Wälder. Ab und zu trifft man auch auf ein Wegkreuz. Hinter einem dieser Kreuze führt eine steile kurze Treppe in eine Wiese hinauf zur Station 6 und den Ruinen der ehemaligen Grube Schmalgraf. Von ihr sind außer ein paar Mauerresten nicht mehr viel übrig. Die eigentliche Grube liegt unter einer dicken Betonplatte. Einzige Zeugen der einstigen Erzförderung an diesem Ort sind die Galmeiflora in den umliegenden Erdhügeln.

Kapelle
Kapellen und Kreuze trifft man auf dem Weg überall in den Wiesen und am Wegesrand.
Grube Schnmalgraf
Von der Grube Schmalgraf ist nur noch eine Ruine übrig geblieben.

Abenteuerspielplatz des Industrielehrpfads

Die Wegbeschreibung zur nächsten Station des Industrielehrpfads hört sich nach einem richtigen Abenteuer an:


„...Am Fuße des Schmalgrafs muss eine Holzbrücke über den Hohnbach hergestellt werden, …

steht dort geschrieben. Viele dachten, dass sie damit gemeint sind, die die Brücke bauen sollen. Aber ersteinmal muss man zum Bach finden…
Von den Resten der Grube Schmalgraf geht es zurück Richtung Hof Semmel. Dann folgt ein gutes Stück durch den Wald. Diesen Teil der Strecke finde ich persönlich am besten! Denn der abenteuerliche Weg zwischen Wiesen durch ein dichtes Dickicht hinab ins Hohnbachtal lässt einen glauben, mitten in der Wildnis zu sein. Dass hier einst eine in ganz Europa wichtige Industrieregion war, merkt man gar nicht.

Schmalgraf
Ein steiler Weg führt runter in das Hohnbachtal und zum Oskarstollen.


Einmal unten am Bach angekommen, sieht man sofort, dass einige es als Aufforderung verstanden haben dort eine Brücke aus Holz zu bauen. Quer über dem Bach liegen mehrere große Äste, damit man an das andere Ufer gelangt. Wer diese „Abkürzung“ nutzen will, muss jedoch abenteuerlich sein. Die Brücke endet nämlich im Gestrüpp aus Brennnesseln…
Folgt man jedoch dem Trampelpfad aus dem Wald über eine Wiese, erreicht man eine angenehmere Alternative über den Fluss zu steigen.

Hohnbach
Den Hohnbach überquert man am besten hier.

Ein Tunnel im Berg und eine besondere Blumenwiese

Nach wenigen Schritten erreicht man auch schon die 7. Station vom Industrielehrpfad, den Oskarstollen. Kaum zu glauben, aber hier wurde einst mitten im Wald jede Menge Erz aus einem Berg geholt. Davon ist außer dem Eingang zum Stollen nichts mehr übrig. Auf einer Lichtung ganz in der Nähe des Stolleneingangs sind wieder die natürlichen Zeugen des Erzabbaus zu bewundern: Galmeiveilchen blühen hier um die Wette mit anderen typischen Pflanzen der Galmeiflora. Oskar Bilharz, der Direktor der Grubengesellschaft, lies den Stollen anlegen, um von hier aus unterirdisch das Erz der Grube Schmalgraf abtransportieren zu können. Ihm hat der Stollen auch seinen Namen zu verdanken. Über Schienen wurde das Erz dann nach Kelmis in die Wäscherei befördert.

Oskarstollen
Aus dem Oskarstollen wurde das Erz über Schienen nach Kelmis befördert.
Galmeihalde
Galmeiveilchen lieben schwermetallhaltige Böden und sind daher äußerst selten.

Übers Schienenbett zurück nach Kelmis

Über genau diese alte „Zugstrecke“ entlang des Hohnbachs bis kurz vor der Rochuskapelle führt der Industrielehrpfad nun zurück nach Kelmis. Hat man einmal das Drehkreuz aus dem Wald passiert geht es nochmal die Wiese rechts hoch. Oben angekommen hat man einen wunderschönen Ausblick auf das ehemalige Industriegebiet der „Vieille Montagne“ und dem Ortskern mit seiner langen schmalen Kirche. Auf Station 8 ist auch ein Bild der selben Aussicht während der industriellen Blütezeit zu finden. Damals hatte man eine ganz anderer Sicht auf den Ort!
Der Industrielehrpfad führt nun wieder über einen Trampelpfad vorbei an uralten Bäumen und Hecken Richtung Casinoweiher. Die dicken Stämme der Kastanien, Buchen und Ahorne sind mit vielen eingeschnitzten Botschaften verziert. Hier und da zeugen Jahreszahlen aus früheren Jahrhunderten vom Alter dieser Bäume.

Aussicht Kelmis
Eine schöne Sicht über Kelmis bekommt man von Station 8.

Ein altes Wasserreservoir und die Galmeihalden

Folgt man immer weiter dem Weg, gelangt man über die Göhl zum Casinoweiher. Dieser künstlich angelegte See diente einst als Wasservorrat für die Erzwäsche. Dort wo die Säule der Station 9 steht, biegt ein kleiner Weg zum Fluss ab, an dessen Ende man noch Mauerreste von dieser Wäscherei entdecken kann. Ein kleiner Wasserfall wirbelt hier die sonst so ruhige Göhl etwas auf. Direkt daneben befindet sich das Naturschutzgebiet der Galmeihalden. Auch hier kann man die besondere und einzigartige Galmeiflora und -Fauna beobachten. Auf einem kleinen Rundweg, der komischerweise nicht zum Industrielehrpfad gehört, bekommt man außerdem die Möglichkeit die Halde von Nahem zu betrachten und etwas über ihre Bewohner zu lernen.

Casinoweiher
Der Casinoweiher diente einst als Wasserreservoir für die Erzwäsche.
Eine alte Schleuse ist noch übrig geblieben von der einstigen Wäscherei.
Eine alte Schleuse ist noch übrig geblieben von der einstigen Wäscherei.

Museum Vieille Montagne

Am Eingangsbereich zum Naherholungsgebiet „Casinoweiher“ befindet sich dann auch mit Station 10 der vorletzte Halt des Industrielehrpfads. Von einem Foto aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts ist heute nur noch ein Gebäude erhalten geblieben: das Direktionsgebäude der Vieille Montagne. Seit 2018 befindet sich dort das Museum Vieille Montagne, welches der wechselhaften Vergangenheit des Ortes und seiner Umgebung gewidmet ist. Schon alleine das Gebäude mit seinen Jugendstilelementen ist ein Besuch wert.

Direktionsgebäude der Vieille Montagne
Im alten Direktionsgebäude der Vieille Montagne ist heute das gleichnamige Museum eingerichtet worden.


Hier endet auch der Industrielehrpfad und es bietet sich an, im Museum mehr über die während der Wanderung kennengelernten Orte zu erfahren. Neben ausführlichen Informationen zum Erzabbau und der Verarbeitung von Zink in der Region wird vor allem auch über die Zeit von Neutral Moresnet und die Ambitionen daraus einen „Esparantostaat“ zu machen berichtet.
Und am Ende machen die ganzen Ruinen in Wald und Wiesen, die Galmeihalden und seine besonders seltene Flora, der Galmeiplatz und die ältesten Gebäude von Kelmis uns eines klar: die Geschichte eines Ortes lebt auch dann weiter, wenn man nicht mehr viel davon sieht.

Andy

4 Gedanken zu „Industrielehrpfad Kelmis – Heimatgeschichte hautnah

    1. Prima! Das Stück durch den Wald von der Grube Schmalgraf bis zum Oskarstollen und wieder zurück über die alte Zugtrasse finde ich auch am besten an der Strecke! 🙂

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