Besonders schöne Jugendstilbauten die man in Brüssel gesehen haben muss.

In Brüssel gibt es sehr viele Jugendstilbauten. Doch warum denn gerade dort? In diesem Beitrag möchte ich euch gerne mehr dazu erzählen.

Zuerst hat es etwas mit dem Bevölkerungswachstum zu tun. Denn zwischen 1870 und 1910 erlebte Brüssel einen regelrechten Bauboom. In nicht mal 30 Jahren verdreifachte sich die Einwohnerzahl. Doch dies waren nicht irgendwelche Leute, die in Brüssel leben wollten. Es waren vor allem vermögende Bürger aus dem Mittelstand. Banker, industrielle Investoren oder andere Niesnutzer der industriellen Revolution aus ganz Belgien zog es in die pulsierende Hauptstadt.

Zu dieser Zeit blühte der Jugendstil so richtig auf. Beim Bau von Häusern wurden immer neuere Methoden und Materialien eingesetzt. Buntes Glas, Stahl, Gusseisen und tropische Hölzer sind nur einige typische Elemente des Jugendstils. Damit schaffte man es offene Räume mit viel Licht und geschwungenen Linien in die Bauten zu integrieren. Zusätzlich findet man im Schmiedewerk, der Holzverarbeitung, der Glasverarbeitung und der Innereinrichtung nun auch zahlreiche Verzierungen wieder. Diese sind teilweise sehr aufwendig und die Natur diente dabei oft als großes Vorbild. Ganze Jugendstil-Stadtviertel wuchsen so in kurzer Zeit in und um Brüssel aus dem Boden.

Typische Stilmittel des Jugendstils

Somit ist jedes Bauwerk des Jugendstils ein Unikat. Es gibt jedoch verschiedene Elemente, die nur dieser Epoche zugewiesen werden können. Hier folgen nun ein paar Beispiele.

Mosaike

Mosaike übernimmt man im Jugendstil aus der Antike. Aus der Zusammensetzung von kleinen Steinen, Fliesen oder Marmor erschafft man kleine Kunstwerke. Vor allem Eingangshallen und Fluren sind damit verziert.

Schmiedeeisen

Unterschiedlichste Metalle werden für die Gebäudekonstruktionen gebraucht. Diese stützen die Fassaden und ermöglichen Platz für helle Räume in den Bauten. Eiserne Konstruktionen und Stützen werden als sichtbares Element nun auch Teil des Bauwerks. Sie sind oft reich verziert. Geschwungene Treppengeländer, Fensterrahmen und Stützfeiler werden so bewusst als künstlerische Stilmittel eingesetzt.

Glas

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts boomt auch die Glaskunst. Vor allem das bunte Glas der großen Fenster frischt die hellen Räume der Jugendstilbauten auf. In das Glas werden dank einer speziellen Technik lebendige Farben eingearbeitet. So entstehen bunte Fensterscheiben, Lampenschirme oder ganze Glaskuppeln wie kleine gläserne Gemälde, die passend zu den individuellen Wünschen der Bauherren gestaltet sind.

Steinzeug

Es wird aber auch weiterhin viel Stein beim Bau der Häuser verwendet. Kombiniert werden alle Arten von Stein. Vom Backstein bis zum edelsten Marmor, ist alles zu finden. Die Motive, welche die Steinmetze in den Stein meißeln, sind oft sehr aufwendig. Sie verlaufen teilweise über die ganze Fassade eines Gebäudes.

Sgraffitto

Sgrafitto ist eine dekorative Verputztechnik. Auf einem dunklen Hintergrund wird ein heller Mörtel angebracht, in dem mit Schablonen die Konturen der späteren Kunstwerke eingekratzt werden. Meistens sind es Blumenmotive, Tiere oder weibliche Figuren. Diese sind vor allem am Dachgiebel oder über Türen angebracht und oft aufwendig ausgemalt.

Sgrafitto
Das Hotel Ciamberlani, geplant von Paul Hankar ist heute Sitz der argentinischen Botschaft. Der Großteil dieser Fassade ist mit einem Sgrafitto verziert.

Die Architekten

Ein weiterer Aspekt, den der Jugendstil geprägt hat, ist die Art und Weise wie man nun mit den neuen Bauformen experimentierte. Architekten, wie Victor Horta, Paul Hankar, Henri Jacobs, Ernest Blérot oder Gustave Strauven zählen zu den Stars des Jugendstils. Sie erschaffen Bauten in ganz Brüssel und später auch auf der ganzen Welt. Vier Jugendstilbauten von Victor Horta haben es im Jahr 2000 sogar auf die Welterbeliste der UNESCO geschafft. Ob Privatwohnung, Geschäft, Theater oder öffentliche Einrichtung, viele Jugendstilbauten werden nach den speziellen Wünschen ihrer gut zahlenden Kundschaft gestaltet. Ein solches Bauwerk in Auftrag zu geben wäre für heutige Verhältnisse in Brüssel unbezahlbar.

Mittlerweile sind leider viele der schöne Jugendstilbauten der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Hauptsächlich in der Nachkriegszeit mussten herausragende Jugendstilbauten Platz schaffen für moderne und funktionale Bauten. Letztere sind oft nicht schön anzusehen. Hinzu kommt, dass heutzutage die meisten Jugendstilbauten nicht jedem zugänglich sind, da sie meist Privatleuten gehören. Und wer hat schon Lust andauernd fremden Besuch bei sich im Haus zu haben, die sich alles genau anschauen wollen? Es bleibt einem also nichts anderes übrig, als die schön verzierten Fassaden von Außen zu bewundern.

Atelier und Wohnhaus
Wohnhaus und Atelier der Bildhauerin und Malerin Louise de Hem in der Darwinstraat 15-17. Geplant von Ernest Blérot. Leider befindet sich dieses Bauwerk, wie so viele andere Jugendstilbauten, in keinem guten Zustand.

Jugendstilbauten als Museum

Zum Glück werden seit einigen Jahren wieder immer mehr Jugendstilbauten restauriert. Einige besondere Bauten dienen heute als Museum. Als beste Beispiele hierfür sind das Belgische Comiczentrum, das Musikinstrumentenmuseum oder das Hortamuseum zu nennen. Die ersten beiden Museen sind in alten Kaufhäusern aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Dort kann man neben den Ausstellungen auch sehr gut die architektonischen Besonderheiten dieser Bauwerke begutachten. Die lichtdurchfluteten Räume sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Jede Türklinke, alle Fenster und Mosaike auf dem Boden gehören zum Gesamtkonzept. Wirklich nichts ist dem Zufall überlassen. Das Hortamuseum ist, wie es der Name schon verrät, dem Architekten Baron Victor Horta gewidmet. Seine Privatwohnung und das anliegende Atelier bieten heute einen Eindruck in die Ausstattung der aufwändig geplanten Jugendstilbauten.

MiM
Im ehemaligen Luxuskaufhaus „Old England“ von Paul Saintenoy ist heute das Musikinstrumentenmuseum Brüssel untergebracht.

Stadtrundgänge entlang der schönsten Jugendstilbauten

Wer sich die Vielfalt des Jugendstils in Brüssel genauer anschauen möchte, dem empfehle ich eine der vielen Stadtrundgänge zu unternehmen. Bei vielen Touristeninformation bekommt man einen Stadtplan mit 5 verschiedenen Rundgängen in unterschiedlichen Stadtvierteln. Neben Privatwohnungen, von denen man oft nicht mehr als die Fassade zu bewundern bekommt, gibt es auch Geschäfte mit prächtigen Auslagen, Restaurants, Hotels oder Schulen zu bewundern. Neben praktischen Informationen zu den einzelnen Architekten sind pro Route besonders sehenswerte Gebäude nochmal etwas erklärt.

Seitdem ich mich in den letzten Wochen und Monaten intensiv auf Jugendstil-Erkundung durch Brüssel begeben habe, entdecke ich immer wieder neue Jugendstilbauten. So begegne ich jetzt in fast jeder Straße Jugendstilbauten, die ich vorher nie wahrgenommen habe. Die Stadt Brüssel verteilt aber mittlerweile sogar Gelder, wenn man sich dazu entscheidet ein Jugendstilbau zu restaurieren. Scheinbar lernt man diese außergewöhnlichen Häuser erst jetzt zu schätzen, wo sie jahrzehntelang immer nur neuen Projekten weichen mussten. Doch besser spät als nie.

Nützliche Links

Art Nouveau Pass – Ticket zu verschiedenen Orten des Jugendstils in Brüssel

BANAD Festival – Event im März, bei dem der Brüsseler Jugendstil im Vordergrund steht. Geführte Besichtigung privater Gebäude, Vorträge oder Themenabende.

Johanna Medvey Illustration – Künstlerin, die sämtliche Fassaden von Jugendstilbauten in Brüssel künstlerisch in Postkarten verwandelt.

Andy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zurück nach oben