Lüttich – Die heimliche Hauptstadt der Wallonie

Im November geht es unter der Rubrik „belgische Hauptstädte“ in die wallonische Stadt Lüttich. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz hat in den letzten 10 Jahren eine regelrechte Metamorphose durchlebt. Einige unbeliebte und heruntergekommene Stadtviertel wurden komplett erneuert. In der Altstadt und an vielen historischen Gebäuden wurde fleißig restauriert. Viele neue Gebäude schossen aus dem Boden. Und auch heute noch sind überall in der Stadt Baustellen zu finden, die das Gesamtbild der Stadt verschönern sollen.

Lüttich – Die heimliche Hauptstadt der Wallonie

In diesem Beitrag möchte ich euch gerne meine persönlichen Top 10 Orte in Lüttich vorstellen:

1. Der Bahnhof Guillemins

Fast jeder der mit dem Zug nach Lüttich fährt, bekommt als erstes das gigantische Bahnhofsgebäude von Liége-Guillemins zu sehen. Er fungiert als Lütticher Hauptbahnhof und ist ein Meisterstück des spanischen Architekten Santiago Calatrava. Der Bau aus Stahl, Glas und weißem Beton ähnelt einer sich öffnenden Muschel. Für das Projekt musste ein ganzes Stadtviertel weichen. So konnte man eine freie Schneise bis zur nahegelegenen Maas schaffen. Dass die Arbeiten im Viertel noch nicht abgeschlossen sind, sieht man an den vielen Baustellen zwischen Bahnhofsvorplatz und Maasufer.
Als man merkte, dass man sich bei der Größe des im hinteren Bereiches des Bahnhofs gebauten Parkhauses verschätzt hatte, wurde eine Etage des Parkhauses als Museum umfunktioniert. Auf diesen Flächen finden nun Wechselausstellungen statt. Von Werken Salvador Dalìs bis zur chinesischen Terrakotta Armee waren schon einige Ausstellungen zu Gast. Momentan kann man sich eine Ausstellung über die 80er Jahre anschauen (www.europaexpo.be).

Das moderne Bahnhofsgebäude von Santiago Calatrava erinnert an eine leicht geöffnete Muschel.

2. Die Hänge der Coteaux de la Citadelle

In den Hängen des Berges, auf dem die Zitadelle von Lüttich thront, befinden sich mehrere parkähnliche Gärten und Grünflächen. Der besonders sehenswerte Teil liegt zwischen der Zitadelle und der Altstadt.
Einer der vielen Aufstiegsmöglichkeiten befindet sich an der Place des Déportés am Ende der Esplanade Saint-Leonard. Von hier aus kann man auf kleinen Wegen und Stufen den waldreichen Hügel hinauf zur Zitadelle besteigen. Die letzten Meter überwindet man auf einer modernen Treppenkonstruktion aus Stahl, die an ihrem Ende als eine Art Balkon fungiert.
Einen weiteren Aufstieg gibt es noch über die Terrasses des Minimes direkt hinter dem Fürstbischöflichen Palast in der Rue Pierreuse. Durch ein unscheinbares Tor am Haus mit der Hausnummer 38 gelangt man in den Park, der aus mehreren Ebenen besteht. Stufen und Gassen verbinden die verschiedenen Terrassen miteinander. Dort oben über den Dächern der Stadt findet man sowohl kleine Obstwiesen und Rasenflächen als auch alte Gemüsegärten und verwinkelte Höfe.

3. Der Fürstbischöfliche Palast am Place St. Lambert

An diesem historisch sehr wichtigen Platz sind sowohl sichtbare als auch verborgene Bauwerke der Stadt zu bewundern. Deutlich sichtbar ist der Fürstbischöfliche Palast, der die komplette Nordseite des Platzes einnimmt. Dieser im 15. Jahrhundert gebaute Palast ist der 3. seiner Art an gleicher Stelle. Die beiden Vorgängerbauten fielen 1185 und 1505 den Flammen zum Opfer. Eine Besonderheit des Gebäudes ist der Innenhof (Le Cour d’Honneur), der mit 60 Säulen aus verschiedenen Renaissancestilen verziert ist.
Auf dem heutzutage von einer Nationalstraße überquerten Platz vor dem Palast hat einst eine mächtige Sankt-Lambertuskathedrale gestanden. Dieses prächtige gotische Bauwerk, das bis zu 4000 Menschen Platz bot, galt im Mittelalter als Gotteshaus mit dem größten Innenraum im westlichen Europa. Mit einem 135m hohen Turm und zahlreichen Anbauten und Kapellen nahm sie fast das ganze Volumen des heutigen Place Saint Lambert ein. Während der Lütticher Revolution, einem Ableger der Französischen Revolution 1794, begann man mit dem Abriss der Kathedrale.
Im unterirdischen Archeoforum kann man die 9000 jährige Geschichte des wichtigsten Platzes Lüttichs erkunden.

Der Fürstbischöfliche Palast dominiert die kompletten Place St-Lambert, auf der einst die mächtige gleichnamige Kathedrale stand.

4. Der Marktplatz

Direkt neben dem Place St. Lambert befindet sich der alte Marktplatz von Lüttich. Ziemlich mittig auf dem Platz steht gegenüber vom Rathaus eines der Wahrzeichen und ältesten Bauwerke Lüttichs: der Perron. Ein Perron ist eine Steinsäule auf deren Spitze ein Reichsapfel oder Kreuz angebracht ist. Sie galten als Zeichen für Freiheit, Autonomie und Gerechtigkeit wurde in den wichtigen Städten des Fürstbistums Lüttich errichtet. Das genaue Alter der Steinsäule ist nicht bekannt. Auf Münzen aus dem 12. Jahrhundert wurde er jedoch schon abgebildet. Der eigentliche Perron ist nur der obere Teil des Bauwerks. Der untere Teil mit dem Brunnen wurde erst im 17. Jahrhundert errichtet.
Direkt gegenüber des Perron steht das Lütticher Rathaus. Dieses Klassizistische Gebäude aus dem 18. Jahrhundert ist sowohl von außen wie auch von innen sehr sehenswert und reich geschmückt. Auf dem Platz an der Rückseite des Rathauses kann man auf einer Bank neben dem berühmtesten Schriftsteller der Stadt platz nehmen: Georges Simeon. Umgeben wird der Marktplatz von vielen Cafés und Restaurants.

5. Das Altstadtviertel Hors de Chateau

In der Lütticher Altstadt befinden sich viele gut erhaltene Häuser im typischen maasländischen Baustil und einige alte Kirchen. Das Musée de la Vie Wallonne– dem wallonischen Museum für Volkskunde – wurde in einem alten Kloster aus dem 17. Jahrhundert eingerichtet. Zum Museum gehört auch das direkt am Klostergebäude grenzende Kirchengebäude. Es werden zahlreiche alltägliche Gegenstände, Kleidung, Möbel, Werkzeuge und historische Fotographien aus der gesamten Wallonie ausgestellt.
In der Straße Féronstrée sind noch viele alte Wohnhäuser und Kirchen zu finden. Immer wieder führen kleine Gassen – Impasses genannt – in kleine Hinterhöfe und Gärten.
Sonntagsvormittags findet an den Altstadtufern der Maas der Markt „La Batte“ statt. Auf diesem größten Wochenmarkt Belgiens findet man kulinarischen Spezialitäten sowohl aus der Region als auch vom Rest der Welt. Dazu werden Kleidung, kleine Elektrogeräte und Pflanzen angeboten. Sogar Kleintierzüchter bieten hier ihre Tiere an.
Wer in den Genuss originaler Lütticher Waffeln kommen möchte, der sollte die kleine Bäckerei „Une Gaufrette Saperlipopette“ in der Rue des Mineurs besuchen. („Saperlipopette“ ist das Französische Wort für „Zaperlot“).

6. Der Parc de la Boverie

Auf der Südspitze der großen Maasinsel „Outremeuse“ befindet sich der Parc de la Boverie. In diesem Park fand 1905 die Weltausstellung statt. Von den zahlreichen Pavillons ist nur noch das Gebäude übrig, in dem sich heute der Palais des Beaux-Arts befindet. Dieses 2016 nach einer gründlichen Renovierung neueröffnete Museum „La Boverie“ zeigt vor allem Kunstwerke des 18.-20. Jahrhunderts. Seit der Neueröffnung arbeitet es eng zusammen mit dem Louvre in Paris. Eine Vielzahl Leihgaben des Pariser Museums werden für längere Zeit nun in Lüttich ausgestellt.  Umgeben wird das Museum von einem sehr schönen Rosengarten.
Im Park befindet sich neben dem Museum auch noch das alte Vereinshaus des Lütticher Ruderclubs mit einem netten kleinen Café. Die auffälligsten Bewohner der Insel sind wohl die grünen Kragensittiche die seit einigen Jahren die alten Platanen auf der Insel in Beschlag nehmen.
Seit zwei Jahren verbindet eine moderne Fußgängerbrücke das Viertel des Guillemins- Bahnhofs mit dem Parc de la Boverie. Von der Brücke aus hat man eine schöne Aussicht über den Fluss, seine zahlreichen Brücken und seine Ufer.

Das Museum „La Boverie“ befindet sich umgeben von einem schönen Rosengarten mitten im Parc de la Boverie.

7. Die Pont de Fragnée

Die reich geschmückte Brücke Pont de Fragnée liegt etwas außerhalb der Innenstadt. Sie ist aber auf jeden Fall einen Besuch wert. Auch sie ist ein Überbleibsel der Weltausstellung von 1905. Die vier goldenen Engelsfiguren und das markante Geländer, alle aus heimischen Stahl der Cockerillwerke gegossen, zeugen vom industriellen Aufschwung der Stadt. Als Vorbild diente die ebenfalls zur Weltausstellung in Paris 1900 errichtete Pont Alexandre-III.
Um die deutsche Armee an der Überquerung der Maas zu hindern, wurde die Brücke 1940 gesprengt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie dann nach alten Plänen wieder errichtet. Seitdem wirkt sie irgendwie fehl am Platz, da die direkte Umgebung der Brücke seit den 1950ern mit neueren, modernen Gebäuden wiederaufgebaut wurde. Bis zur Renovierung der Brücke Ende der 1990er diente die Brücke vor allem dem Straßenverkehr. Es wurden erst damals die Schienen der alte  Straßenbahnstrecke von der Brücke entfernt und die beiden Zugänge fußgängerfreundlich gestaltet.

Die Pont de Fragnée, ein glanzvolles Überbleibsel der Weltausstellung von 1905

8. Die „neue“ Kathedrale Saint-Paul

Da die große Lütticher St-Lambertus Kathedrale ab 1795 zerstört wurde, ernannte man 1804 die wesentlich kleinere Kirche St-Paul zur neuen Kathedrale Lüttichs. Die im 12. und 13. Jahrhundert errichtete Kirche besticht durch seine einheitliche Bauform und die gotischen und neugotischen Elemente. Auch der im 15. Jahnhundert angebaute Kreuzgang des benachbarten Klostergebäudes ist sehr sehenswert. Hier ist heute die Schatzkammer untergebracht. Nachdem die Kirche zur neuen Kathedrale erhoben wurde, erhielt sie erst ihren heutigen Turm. Dieser wurde in Anlehnung an den Westturm der zerstörten St-Lambertus Kathedrale errichtet. Die Turmuhr und das Glockenspiel der St-Lambertus Kathedrale konnten noch rechtzeitig gerettet werden und wurden in den neuen Turm der St-Paul Kathedrale integriert.

Das etwas triste Äußere lässt nicht vermuten wie reich der Innenraum geschmückt ist. Wenn man die Kathedrale einmal betreten hat, sollte man direkt einen Blick nach oben werfen. Das wundervolle Gewölbe aus sich kreuzenden Spitzbögen ist mit Ornamenten, Tieren und anderen Abbildungen aus der Natur bemalt. Die großen, bunten Fenster lassen viel Licht hinein und tauchen den ganzen Raum in ein farbenfrohes Spektrum.

9. Die Treppe Montagne de Bueren

Die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit des Altstadtviertels ist die Treppe Montagne de Bueren. Diese aus 374 Stufen bestehende Verbindung zwischen der Zitadelle und dem Altstadtviertel wurde 1880 erbaut. Sie sollte den in der Zitadelle stationierten Soldaten den Weg hinab in die Stadt vereinfachen. Am Fuße der Treppen befindet sich die Impasse des Ursulines. An deren Ende beginnt ein Labyrinth aus Gassen, Treppen, Höfen und kleinen Straßen die kreuz und quer über den Hang hoch zur Zitadelle führen.

Eines ist aber sicher: Egal für welchen Aufstieg man sich entschieden hat, einmal oben angekommen, belohnt einem eine atemberaubende Sicht über Lüttich bis hin zur Maas und die umliegenden Hügel. Besonders ab Sonnenuntergang, wenn die Beleuchtung der Brücken die Maas in ein buntes Farbenmeer tunkt, lohnt sich der Aufstieg zur Zitadelle besonders.

Die endlos scheinende Treppe hoch zur Zitadelle zählt 374 Stufen.

10. Das Grand Curtius und Umgebung

Eines der Schönsten Gebäudeensembles Lüttichs beherbergt das Museum Grand Curtius. Das ehemalige Privathaus der Familie Curtius aus dem 17. Jahrhundert und seine Nebengebäude wurden bis 2016 gründlich restauriert. Seitdem sind 4 Museen dort untergebracht. 1. Die Sammlung des Archäologischen Instituts Lüttichs, die zahlreiche geschichtliche Ausstellungstücke aus der prähistorischen, römischen, mittelalterlichen und fränkischen Zeit ausstellt. 2. Das Musée du Verre (Glasmuseum), das eine riesige Auswahl an Kunstwerken und alltäglichen Gegenständen aus Glas und Kristall präsentiert. 3. Das Musée d´Art religieux et d´Art mosan, stellt religiöse Kunstwerke und typisch maasländische Kunstwerke aus. 4. Das Musée d´Armes (Waffenmuseum) hat eine riesige Sammlung an Waffen aller Art.

Direkt gegenüber des Haupteingangs des Museums befindet sich die ebenfalls kürzlich restaurierte Kirche St-Barthélemy. Diese romanische Kirche aus dem 11. Jahrhundert beheimatet einen weiteren Kunstschatz; das Taufbecken von Renier de Huy. Es zählt zu einem der berühmtesten Goldschmiedearbeiten des Mittelalters.

Das Grand Curtius liegt direkt an der Maas. im Hintergrund sind die Türme von St-Barthelemy zu erkennen

Andy

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