Meine Nachbargemeinde Lontzen – Reisen während Corona

Seit fast 2 Monaten hört man nun schon, dass man zuhause bleiben soll. Das Leben hat sich komplett geändert. Es gibt keinen Platz für Fernweh. Für mich wurde irgendwie aus Fernweh – „Nahweh“, in die Nachbargemeinde Lontzen…

Alles macht dicht!

Lange Zeit lief in Belgien nur noch das Notwendigste. Die Schule fiel aus, Geschäfte blieben geschlossen, Restaurants und Cafés dürfen immer noch nicht öffnen. Busse und Züge fuhren nur noch sehr selten, Flugzeuge blieben am Boden. Sogar die Grenzen wurden streng kontrolliert. Nur Supermärkte waren für eine begrenzte Anzahl an Besucher geöffnet und es bildeten sich lange Schlangen egal wohin man wollte. Der Mundschutz ist allgegenwärtig und wird wohl das Accessoire des Sommers bleiben. Es wird empfohlen einen Abstand von 1,5m zu anderen zu halten und Kontakte zu anderen werden uns regelrecht verboten…

Zuhause bleiben

Ich hatte das Glück auch von Zuhause aus weiter arbeiten zu können. Zwar war es eine Umstellung, doch letztendlich klappte es ganz gut. So verließ auch ich in den ersten Wochen nur zum wöchentlichen Einkauf das Haus. Nachdem die kleinen Arbeiten im Haus erledigt waren, wurde der Garten mit und mit startklar für den Sommer gemacht. Projekte, die ich schon lange verwirklichen wollte, wurden in Angriff genommen. So konnte man die Freizeit im Garten gut verbringen und Langeweile kam nur sehr selten auf. Alle geplanten Reisen, der Urlaub in den Osterferien und Ausflüge wurden gestrichen und durch Aktivitäten wie Fenster streichen, Kaninchenstall ausbessern oder Gemüsegarten anlegen ersetzt. Doch nach ein paar Wochen schlich sich ein bekanntes Gefühl ein – Fernweh.

Gartenprojekt Waschbecken
Fenster wurde gestrichen, Waschbecken gebaut
Gemüsegarten
Der Gemüsegarten wurde startklar gemacht

Fernweh…

Mit Fernweh assoziierte ich eigentlich immer das Gefühl, dass man mal etwas anderes sehen will als die eigene Klimazone, die eigene Kultur oder alles was man innerhalb eines Tages mit dem Auto erreichen kann.
Doch plötzlich bekam „Fernweh haben“ eine ganz andere Dimension. Ich fand es schon komisch in einen nur 2km entfernten Ort zu fahren. Oder mal was anderes als die 5 Straßen in der eigenen Nachbarschaft zu sehen, durch die man abends mutterselenalleine schlenderte, um sich etwas bewegt zu haben. Der Gedanke mal „ans Meer“ zu fahren kam einen so fern vor wie eine Reise in die Karibik. Ganz zu schweigen von Städtereisen oder Besuchen von Veranstaltungen oder Museen.

Ablenkung

Um sich an diese neue, bisher ungekannte Situation zu gewöhnen, suchte ich nach Alternativen zum Reisen. Denn das war nicht so möglich, wie ich es gerne getan hätte. So durchforstete ich einige meiner Lieblingsreiseführer oder kaufte mir neue, um mich für kommende Reisen durch Belgien zu inspirieren. Ich schrieb darüber sogar einen Blogbeitrag. Ich sortierte viele Fotos und Notizen, die dazu führten, dass ich einen kompletten Beitrag über Tournai zusammensetzten konnte, obwohl mein Besuch schon fast 2 Jahre her war. Doch auch damit war mein „Fernweh“ noch nicht gestillt. Also fing ich an Ausflüge, Wanderungen, Zugtouren und Museumsbesuche aufzulisten, die ich gerne machen würde, wenn es denn wieder möglich wäre. Doch schnell merkte ich, dass auch das mich nicht glücklicher machte.

Outside your comfort zone

Plötzlich erinnerte ich mich an einen Satz, den ich vor einigen Jahren zum ersten mal bewusst aufgeschnappt habe und der schon einmal in meinem Leben sehr viel bewirkt hatte.

„Outside your comfort zone is where the magic happens“

Diesen Satz sollte ich mir vielleicht mal wieder zu Herzen nehmen und wörtlich umsetzten. Unser Haus war die letzten Monate sicherlich meine Komfortzone, alles außerhalb davon war „Corona“. Zuhause musste ich nicht in einer Reihe stehen und auch keinen Mundschutz tragen.
Also staubte ich meinen Drahtesel ab, packte meinen Rucksack und fuhr einfach drauf los. Alle vom Nationalen Sicherheitsrat empfohlenen Maßnahmen hielt ich natürlich dabei ein. 1,5m Abstand halten war allein auf einem Fahrrad unterwegs in einer ländlichen Gegend nicht schwer.

Großgemeinde Lontzen

Eine wirkliche Route gab es nicht. Ich setzte mich auf mein Rad und fuhr einfach mal los. Doch wohin? Wie wär es mal mit der Nachbargemeinde… Mit der Zeit hatte ich dann doch einen Plan. Ich nahm mir vor alle 6 Weiler und Ortschaften der Großgemeinde Lontzen zu besuchen und dabei neue Wege zu erkunden oder alte neu zu entdecken.

Lontzen – das ursprüngliche Dorf

Nur ein paar Kilometer südwestlich von meinem Heimatort liegt Lontzen, ein verschlafenes kleines Dorf, umrahmt von Wald und Wiesen. Hier gibt es neben einem Schloss, noch die St-Hubertus Kirche, die mitten im Dorf steht. Im Inneren befinden sich wunderbare Gewölbefresken im Art-Déco Stil. Das Wasserschloss Lontzen gehörte einst der wohlhabenden Unternehmerfamilie Grand Ry, die in Ostbelgien viele Ländereien besaßen. Heute ist das Schloss in Privatbesitz und in mehrere Wohneinheiten aufgeteilt. Was dem Ort einen besonderen Reiz verleiht, ist die Tatsache, dass er von Wiesen und Wäldern umgeben wird. Es durchquert ihn auch keine große, vielbefahrene Straße, die den ländlichen Dorfcharakter zerstören würde.

Lontzen Busch – grüner Rand des Ortes

Nordwestlich vom Dorf Lontzen liegt der Ortsteil Busch. Hier findet man eine abwechslungsreiche Landschaft aus hügeligen Wiesen und Wäldern wieder. Natürlich hat auch dieser Weiler eine Kapelle. Diese ist der Heiligen Anna gewidmet und hat einen sehenswerten flämischen Altar. Ein anderes, besonderes Bauwerk ist die Maison Blanche, ein ehemaliges Zollgebäude ganz im Westen. Auch heute noch steht das Gebäude an einer Grenze, nämlich der Sprachgrenze zwischen dem französischsprachigen und deutschsprachigen Teil Belgiens.

Annakapelle in Lontzen Busch
Im Inneren der Annakapelle befindet sich ein alter flämischer Altar.
Wald und Wiesen
Idyllische Landschaft in Busch
Der Stein auf dem Kreisverkehr vor der Maison Blanche, einem ehemaligen Zollgebäude, bildet heute die Grenze zwischen dem französisch- und dem deutschsprachigen Teil Belgiens.

Rabotrath – der versteckte Ort

Nur ein paar Wiesen, ein kleiner Berg und eine Zugstrecke trennen Lontzen von dem Örtchen Rabotrath. Viele wissen, dass es den Ort gibt, aber nicht wie man hin kommt. In Rabotrath gibt es neben einer kleinen Kapelle eigentlich nur ein paar Bauernhöfe. Man munkelt, es gibt in dem Örtchen mehr Kühe als Einwohner, was ich nach eigenen Beobachtungen auch bestätigen kann. Besucht man das Örtchen im Mai oder Juni, sollte man unbedingt einen Abstecher auf die alte Galmeihalde machen. In Rabotrath wurde seit dem 15. Jahrhundert Galmeierz abgebaut. Auf den Überresten dieses Areals wachsen nun unzählige eisenerzliebende Pflanzen um die Wette.

Die Galmeiwiesen stehen im Mai und Juni in voller Blüte
Die Quirinus-Kapelle im Ortskern

Walhorn – das Dorf der Butter

Lontzen wird durch die Zugstrecke Aachen-Lüttich von Rabotrath getrennt, östlich wird es von der Autobahn E40 von Walhorn getrennt. Walhorn ist ein Dorf, welches von der Hauptverbindung zwischen Kelmis und Eupen durchquert wird. Dadurch ist der Dorfkern ziemlich (vom Verkehr) belebt. Alles drumherum ist eher typisch ländlich. Auch hier dominieren Bauernhöfe und Kühe das Landschaftsbild. Zwischen den üblichen schwarz-weißen oder brauen Kühen haben sich seit einigen Jahren auch viele Schottische Hochlandrinder gemischt.
Berühmt ist Walhorn auch wegen seiner Molkerei, in der neben der guten Walhorner Butter auch Käse produziert wird. Dann wundert es auch keinen mehr, dass auf jeder Wiese im ganzen Ort Kühe stehen und Traktoren und Milchtransporter das Straßenbild prägen.

Kühe in Walhorn
(Schwarz-weiße) Kühe gibt es in Walhorn jede Menge…
… aber auch Schottische Hochlandrinder.

Astenet – (klitze)klein aber fein

Walhorn und Astenet gehen mittlerweile nahtlos ineinander über. Dennoch hat der Weiler Astenet einen sehr ländlichen Charakter. Auch hier dominieren die heckenumsäumten Wiesen und Waldstückchen das Landschaftsbild. An einer der wenigen Kreuzungen stehen dann auch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Das Schloss Thor und direkt gegenüber die kleine St. Johannes der Täufer-Kapelle. Das Schloss trägt seinen Namen wegen des großen Portals (Tor). Es wurde von dem in der Gegend berühmten Architekten Johann Joseph Couven 1733 errichtet. Die kleine Kapelle direkt an der Kreuzung wurde seit dem 16. Jahrhundert mehrere Male wieder aufgebaut.

Schloss Thor
Das prunkvolle Portal gibt dem Schloss seinen Namen
Kapelle
Die Johannes der Täufer-Kapelle steht direkt gegenüber dem Schloss Thor

Herbesthal – der erste Grenzbahnhof

Ein weiterer Ort, der zur Großgemeinde Lontzen gehört, ist Herbesthal. Als im 19. Jahrhundert die Bahnstrecke zwischen Aachen und Lüttich fertiggestellt wurde, befand sich in Herbesthal der erste Grenzbahnhof Europas. Neben der Zollabfertigung wurde damals auch eine internationale Postsammelstelle errichtet. Leider ist von alledem nichts mehr übrig. In den 1980ern wurden sowohl der prunkvolle Bahnhof als auch alle dazugehörigen Anlagen abgerissen. Auf dem Areal, welches an einem Radwanderweg angebunden wurde, kann man sich aber noch gut vorstellen, dass es ein internationales Publikum gab.

Ruienen Bahnhof Herbesthal
Nur ein Teil eines Eingangs vom Bahnhof wurde vor einigen Jahren wieder aufgebaut.

Wieder zuhause

Nach meiner kleinen Fahrradtour hatte ich etwas das Gefühl bekommen in der Welt unterwegs gewesen zu sein. Der Gedanke nun vielleicht noch länger und auch über den Sommer über nicht weit weg zu kommen fand ich gar nicht mal mehr so schlimm. Ich machte direkt mal Pläne auch die anderen Nachbargemeinden mit dem Fahrrad zu erkunden.
Außerdem wollte ich die Zeit nun mehr nutzen alte Notizen und Fotos zu neuen Blogbeiträgen zu verarbeiten, statt neue Projekte zu planen.

Mehr Waffelreisen dieses Jahr

Egal wie die Krise sich weiter entwickeln wird, vielleicht werden wir noch einige Zeit nur im eigenen Land reisen können oder dürfen. Das finde ich gar nicht mal so schlimm, denn Waffelreisen gibt es noch sehr viele auf meiner Liste… und die lokalen Unternehmen, Restaurants, Geschäfte und Museen können gerade jetzt Unterstützung gebrauchen…

Kleine Auszeit nötig?

Wer mal eine kleine Auszeit braucht, findet in WalHOME ( mehr Info hier) eine ausgezeichnete Bleibe. Diese Unterkunft mit einem einmaligen Blick auf die weiten ostbelgischen Wiesen und Wälder ist der perfekte Ausgangspunkt für Radtouren und Wanderungen, nicht nur in der Großgemeinde Lontzen. Schnell ist man auch im Hohen Venn und dem beliebten Vennbahnweg oder in Eupen. Also auch perfekt für Staycations geeignet – den Urlauben in der eigenen Region.

Andy

8 Gedanken zu „Meine Nachbargemeinde Lontzen – Reisen während Corona

  1. Das ist, wie alle anderen zuvor, wiederein wunderbar lebendiger Beitrag. Vielen lieben Dank dafür. Hat echt Spaß gemacht das alles über meine Heimat zu lesen.

  2. Lesenswerter, interessanter Beitrag, Andy, genau zur richtigen Zeit. Text und Bilder erinnern daran, in welch schöner Gegend wir leben dürfen. Vielen Dank und weiter so…

    1. Hallo Peter, freut mich, dass es dir gefallen hat. Man sollte versuchen einfach nur das Beste aus der momentanen Situation machen, da hilft einem schonmal die schöne Umgebung.?

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