Moresnet – 1 Ort, 2 Sprachen, 3 Länder

Manchmal reicht es, wenn man mal nur vor die eigene Haustür tritt und schaut was es dort an Sehenswertem und Besonderheiten gibt. In meinem Heimatort jährt sich das Ende einer in Europa einmaligen Epoche in den kommenden Monaten zum 100. mal. Denn vor fast 100 Jahren wurden 3 Orte, die jahrelang von Staatsgrenzen getrennt wurden aber alle den selben Namen trugen, wieder in einem Land vereint. Das belgische Moresnet, der Ministaat Neutral-Moresnet und das deutsche Preußisch-Moresnet waren zwar nur wenige Kilometer voneinander entfernt, lagen jedoch in 3 verschiedenen Ländern.

Heute befinden sich die kleinen Ortschaften Moresnet und Neu- Moresnet in unmittelbarer Grenznähe. Das erste Dorf gehört zur Gemeinde Plombières (Bleiberg) und liegt in der französischsprachigen Gemeinschaft. Neu-Moresnet liegt in der deutschsprachigen Gemeinde Kelmis (La Calamine).

Die am 1815 voneinander getrennten Ortschaften Moresnet (dunkelgrau), Neutral Moresnet (mittelgrau) und Neu-Moresnet (hellgrau)
Quelle: www.trois-frontieres.be

Moresnet

Der eigentliche und älteste Ort Moresnet befindet sich in der französischsprachigen Gemeinde Plombières (Bleiberg) und grenzt unmittelbar an die Deutschsprachige Gemeinschaft. Die Nähe zum Grenzraum merkt man vor allem noch in den Sprachen der Bevölkerung. Man redet hier sowohl Deutsch als auch Französisch. Der in der ganzen Region verbreitete limburgische Dialekt Plattdütsch wird hier vor allem noch von der älteren Bevölkerung gesprochen.
Der Ortskern ist relativ klein und verleiht mit der Kirche und den vielen alten Bruchsteinhäusern immer noch einen dörflichen Charme. Quer durch den Ort fließt die Göhl, die dem Tal in dem Moresnet liegt seinen Namen gibt. Darüber hinaus stehen verteilt in der waldreichen und hügeligen Landschaft rund um den Ortskern einige Schlösser aus dem 17.-19. Jahrhundert.

Das Göhltalviadukt oder Moresnet-Viadukt

Das wohl auffälligste Bauwerk, welches von jeder Stelle des Ortes zu sehen ist, ist das gewaltige Göhltalviadukt. Dieses 1.107m lange und an ihrer höchsten Stelle 52m hohe Eisenbahnviadukt zählt zu den längsten seiner Art. Die Brücke wurde während des 1. Weltkrieges von Kriegsgefangenen im damals besetzten Belgien gebaut. Anfangs wurden vor allem Kriegswaffen über die Brücke von Deutschland an die Westfront transportiert. Heute wird sie ausschließlich für den Güterverkehr zwischen dem Hafen von Antwerpen über Aachen und dem Osten Europas benutzt.

Schon von weitem ist die etwas über 1km lange Eisenbahnbrücke sichtbar

Moresnet Chapelle

Nördlich von Moresnet liegt auf halben Weg zum Dreiländereck Deutschland-Belgien-Niederlande der kleine Ortsteil Moresnet Chapelle. Den Beinamen Chapelle trägt es wegen seiner Funktion als Marienwallfahrtsort. Zu Begin des 19. Jahrhunderts errichtete man ungefähr an der Stelle, an der vor fast 200 Jahren einem Bauernjungen eine Marienerscheinung von Epilepsie geheilt haben soll, eine Kirche. Vor allem Pilger aus Aachen und Maastricht besuchen auch heute noch die Kirche und den gegenüberliegenden Kalvarienberg. Dieser 1904 errichtete Park ist eine Mischung aus Kreuzweg und botanischen Garten. Auch der Jakobsweg von Köln über Aachen nach Lüttich verläuft direkt durch den Ort.

Neutral-Moresnet

Von 1815 bis 1919 war der heutige Dreiländerpunkt zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden noch ein Vierländerpunkt. Denn die Spitze eines der kuriosesten Zwergstaaten Europas stieß an genau diesem Punkt auf seine 2 (ab 1830 mit Belgien 3) Nachbarländer. Die Rede ist von Neutral-Moresnet. Es lag östlich von Moresnet und war wegen den dort vorhandenden Bodenschatz Galmei ein umstrittenes Territorium zwischen Preußen und dem Vereinten Königreich der Niederlanden. Als nach der Niederlage Napoleons beim Wiener Kongress die Grenzen Europas neu gezogen wurden, konnte sich Preußen und das Vereinte Königreich der Niederlande über diese 3,4km² große Gebiet nicht einigen. Somit wurde es zum neutralen Gebiet erklärt und erstmal von beiden Staaten gemeinsam verwaltet.

Ein kleines Steuerparadies

Da in Neutral-Moresnet der von Napoleon eingeführte Code civil galt, war das Leben in diesem Ministaat sehr interessant für Personen die den bürgerlichen Pflichten der Nachbarländer entkommen wollten. Somit wuchs die Bevölkerung rasant und es eröffneten im ganzen Ort gut besuchte Casinos, zahlreiche Kneipen und Bordelle, die allesamt die spezielle Lage dieses kuriosen Staates ausnutzten. Die niedrigen Steuern und die nicht vorhandene Wehrpflicht machte es für viele Zugezogene sehr interessant dort auch sesshaft zu werden. Arbeitsplätze waren im ortseigenen Bergwerk der „Vieille Montagne“ und den angegliederten Werkstätten genügend vorhanden.

Zukunftspläne als unabhängiger Staat

Der Chefarzt der Erzgrube, Dr. Molly, hatte feste Pläne aus Neutral-Moresnet zu einem vollwertigem Ministaat machen. Er sorgte unter anderem dafür, dass Neutral-Moresnet als Unabhängiger Staat eigene Briefmarken ausgeben durfte. Auch eigene Münzen sollten irgendwann ausgegeben werden. Außerdem arbeitete er daran Neutral-Moresnet in einen Esperantostaat um zu wandeln. Es war kurzzeitig sogar die Welthauptstadt der Esperantisten und wurde in Amikejo umbenannt, das „Ort der Freundschaft“ bedeutet.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegers machte sowohl der besonderen steuerlichen und politischen Lage, als auch der Zukunftsplänen für den Esperantostaat ein jähes Ende. Das Deutsche Reich beanspruchte das Gebiet für sich. Nach dem Krieg wurde Neutral-Moresnet unter dem neuen Namen Kelmis im Rahmen des Versailler Vertrages an Belgien abgetreten. Somit endeten alle Bestrebungen eines eigenen, neutralen Staates.

Erbe des einstigen Esperantostaats

2018 wurde in dem alten Hauptgebäude der Bergwerksgesellschaft „Vieille Montagne“ ein Museum eingerichtet, das sich auch auf die Geschichte Neutral-Moresnets bezieht. Viele der Grenzsteine, die das komplette neutrale Gebiet umgeben hatten, sind auch heute noch in den Wäldern und Wiesen, aber auch mitten im Ortskern zu finden. In vielen Straßennamen und Gebäuden der Gemeinde Kelmis erinnert man auch heute noch an wichtigen Personen (Dr. Molly Straße), Ereignissen (Casinostraße) oder anderen wichtigen und historischen Eigenschaften aus dieser Zeit (Galmeiplatz, Residenz Amikejo, Galmeibad ect.). Ein weiteres Erbe der wechselhaften Geschichte ist das Wappen der Gemeinde Kelmis. Hier sind sowohl der Löwe, als belgisches und niederländisches Wappentier und der Adler, als preußisches Wappentier zu finden. Hammer und Pickel symbolisieren die wichtige Vergangenheit der Zinkerzgrube im Ort.

Im Wappen der Gemeinde Kelmis sind viele Symbole der wechselhaften Geschichte des Ortes wieder zu finden.

Quelle: Wikipedia

Neu-Moresnet

Zuletzt wäre da noch der jüngste Ort mit dem Namen Neu-Moresnet zu erwähnen. Bei seiner Entstehung wurde er als Preußisch-Moresnet bezeichnet, da es sich bei der neuen Einteilung der Länder nach 1815 um den Teil Moresnets handelte, der sich in Preußen befand. Als er 1919 dann zu Belgien kam, nannte man ihn in Neu-Moresnet um.
Neu-Moresnet befindet sich direkt unterhalb der südlichen Grenze des neutralen Gebietes, welches nun Kelmis heisst. Seit 1977 gehört Neu-Moresnet zusammen mit dem benachbarten Hergenrath zur Großgemeinde Kelmis.

Kleiner Ort mit ganz viel Natur

Umringt durch viel Wald und Wiesen lädt Neu-Moresnet zu ausgiebigen Wanderungen ein. Viele der ehemaligen Bergwerksstätten, wie der als Wasserreservoir künstlich angelegte Casinoweiher, zeugen heute noch von der wechselreichen Geschichte der Region.
Die älteste Kirche der Gemeinde Kelmis steht etwas außerhalb des Ortkerns umgeben von Wiesen. Die kleine Rochuskapelle aus dem Jahr 1646 und die danebenstehende gleichaltrige Linde waren einst das Zentrum des Ortes. Damals setzte sich der Ort noch aus einer kleinen Anzahl Bauernhöfe und Bruchsteinhäuser zusammen, von denen auch heute noch einige in der direkten Umgebung der Kapelle stehen.

Die Rochuskapelle liegt versteckt, etwas abseits des Ortes

Die Vergangenheit versteckt in einem Tal

Ausgehend von der Kapelle gelangt man über einem Wanderweg in das nahegelegene Hohnbachtal. An dessen Ende befindet sich der Oskarstollen. Dieser war einst die Quelle zum Reichtum der ganzen Ortschaft, dem Galmei. Mit einer kleinen Bahn, auf dessen Trasse man heute bis zum Stollen wandern kann, wurde das Erz zur Weiterverarbeitung in den Ort transportiert.

Vor allem im Frühjahr ist das Hohnbachtal ein Besuch wert. Denn dann verwandeln die wilden Narzissen das komplette Tal in ein gelbes Blütenmeer. Etwas später im Frühjahr strömt dann der Duft des Bärlauchs durch die Wälder, der dort in Massen wächst. Direkt neben dem Oskarstollen wiederum wächst auf einer alten Halde das nur auf galmeihaltigen Böden zu findende Galmeiveilchen, welches auch am Casinoweiher gedeiht.

Herzlich Willkommen

Wer also außergewöhnliche Bauwerke, geschichtsträchtige Landschaften und ganz viel Natur auf kleinstem Raum entdecken will, der sollte sich auf den Weg in die idyllischen Dörfer mit dem Namen Moresnet machen. Nicht nur das seit kurzem eröffnete Museum sondern auch die vielen anderen Spuren der wechselhaften Geschichte des Landstrichs im Dreiländereck sind zu allen Jahreszeiten ein Besuch wert. Doch vor allem die vielen Wandermöglichkeiten, die abwechslungsreiche Natur und die gastfreundlichen Menschen machen meine Heimat so lebenswert.

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