Namur – treffen sich zwei Flüsse…

Sicht über Namur

Der letzte Beitrag zur Reihe „die 12 belgischen Hauptstädte“ beschäftigt sich mit einer weiteren Doppel-Hauptstadt: Namur. Denn neben der Provinzhauptstadt ist Namur auch die Hauptstadt der Wallonie. Warum das so ist und was die Stadt so zu bieten hat erfahrt ihr nun!

Die alte „Grafschaft Namur“

Die Provinz Namur wurde nach der Niederlage Napoleons in Waterloo erschaffen. Sie basiert im groben aus dem Gebiet der alten Grafschaft Namur. Diese entstand im 10. Jahrhundert am Zusammenfluss von Sambre und Maas. Dort errichteten die Grafen von Namur damals eine Burg um die sich später auch eine Stadt entwickelte. Jedoch hatte die Grafschaft mit Brabant und Hennegau starke Konkurrenten in direkter Nachbarschaft und blieb daher eher klein.
Die Burg ist im Laufe der Jahrhunderte in eine Zitadelle aus- und umgebaut worden und die Stadt Namur ist mittlerweile zur Hauptstadt der Wallonie gewählt worden. Gewählt? Ja, dies war wie so oft in Belgien ein politischer Kompromiss:

Wie Namur zur wallonischen Hauptstadt wurde…

Seit der Entstehung Belgiens in den 1830ern gab (und gibt es immer noch) unterschiedliche Ansichten zum Zusammenleben zwischen Flamen und Wallonen. Während die einen die Teilung Belgiens oder die Annexion an Frankreich bzw die Niederlande wünschten, suchten die anderen immer wieder nach Wegen um doch als ein Staat weiter bestehen zu können.
Die Mouvement wallon, die sich verstärkt für eine unabhängigere Wallonie einsetzten, trafen sich schon seit den 1920ern immer wieder in Namur. Als sich in den 1960ern und 70ern Belgien zu einem Föderalstaat entwickelte, festigten sich die wallonischen Institutionen in Namur. 1978 beschlossen die Bürgermeister der 4 größten wallonischen Städte (Lüttich, Charleroi, Namur und Mons), dass Namur die Hauptstadt der Wallonie wird und die Regierung sowie das Parlament dort ihren Sitz haben sollen. 1986 wird Namur dann offiziell Hauptstadt der Wallonie, was jedoch erst seit 2010 auch so im Gesetz verankert ist.

Am Fuße der Zitadelle hat sich die Regierung der Wallonie niedergelassen
Am Fuße der Zitadelle hat sich die Regierung der Wallonie niedergelassen.

Was hat Namur zu bieten ?

Namur ist nicht wirklich eine Stadt die außerhalb ihrer Stadtmauern unbedingt bekannt ist. Vielen sagt der Name nicht mal etwas. Doch Namur hat wie viele andere Städte und Orte in Belgien auch, einige Sehenswürdigkeiten zu bieten. Hier meine persönlichen Highlights:

Die Altstadt

Zuerst einmal wäre da die Altstadt zu nennen. Wenn man dann wirklich von einer Altstadt reden kann. Denn Namur wurde wegen ihrer Lage an der Maas und als Festungsstadt so einige Male angegriffen. Daher kann man nicht wirklich von einer mittelalterlichen Altstadt reden. Jedoch sind in der Fußgängerzone der Innenstadt rund um den Marktplatz (Place Marché aux Légumes) viele alte Gebäude gut erhalten geblieben. Mit zahlreichen Gassen und kleinen Plätzen lädt die Innenstadt zum flanieren und verweilen ein. Am besten lässt man sich einfach dort vom gemütlichen Rhythmus der Stadt treiben. Es gibt einerseits viele Bistros, Cafés und Restaurants andererseits auch viele kleine Geschäfte zu entdecken.

Die (nicht so alte) Börse, der (alte) Belfried und das königliche Theater

Am Rande der Altstadt, an der Place d´Armes stehen einige der prächtigsten Bauten der Innenstadt: die Börse, der Belfried von Mons und dahinter das königliche Theater. Während der Belfried ein Überbleibsel der mittelalterlichen Stadtmauern ist, ist die Börse erst nach der Zerstörung des Platzes im Ersten Weltkrieg gebaut worden. In den 1930ern wurde der Bau im Stil der Neo- Renaissance als Bourse de Commerce eröffnet. Heute befindet sich dort ein renommiertes Kongresszentrum.
Direkt hinter der Place d´Armes befindet sich an der Place du Théâtre das zwischen 1740 und 1840 erbaute Königliche Theater von Namur. Nach mehreren Bränden im 19. Jahrhundert wurde es immer wieder Neueröffnet. Derzeit wird es renoviert und modernisiert.

Links der Belfried, in der Mitte die Börse und rechts dahinter erkennt man das Theater
Links der Belfried, in der Mitte die Börse und rechts dahinter erkennt man das Theater

Cathédrale Saint-Aubin

Ein weiterer Prachtbau in Namur ist die St-Aubin Kathedrale. Vor allem wegen ihrer Fassade und dem Inneren der Kirche, zählt sie zu den wichtigsten Bauten der spätgotischen Architektur in Belgien. Eine weitere Besonderheit der Kathedrale ist die Abwesenheit eines eigenen Kirchturms. Doch das heißt nicht, dass die Kathedrale keinen Turm besitzt, sondern dass der Turm der Vorgängerkirche direkt hinter der Kathedrale diese Funktion übernimmt. Es ist auch deutlich zu erkennen, dass der Kirchturm einige Hundert Jahre älter ist als die Kathedrale aus dem 18. Jahrhundert.
Das Innere der Kathedrale ist im typischen barocken Louis-Seize-Stil gestaltet. Sowohl die vielen hohen Säulen, die Stuckelemente als auch die mächtige Kuppel verleihen dem Raum eine enorme Helligkeit und Größe.

An den Ufern der Maas und der Sambre

Namur hat den Vorteil nicht nur zwei, sondern gleich vier Flussufer zu haben. Da hier die Sambre in die Maas mündet, gibt es sozusagen zwei kleine und zwei große Ufer, die mit einigen Brücken verbunden werden. Die Stadt Namur hat sich jedoch nur an jeweils einem Ufer der beiden Flüsse entwickelt. Daher ist das linke Ufer beider Flüsse auch städtischer als das rechte. Während entlang der Sambre eine gemütliche Promenade direkt an der Altstadt vorbei führt, sind die Ufer der Maas eher mit großen Straßen, Boulevards und Parks umgeben.

Im Vordergrund sieht man die Sambre, am Ufer das Viertel der Brauer (brasseurs). Im Hintergrund ist gut zu erkennen, dass der Glockenturm der Kathedrale frei steht.
Im Vordergrund sieht man die Sambre, am Ufer das Viertel der Brauer (brasseurs). Im Hintergrund ist gut zu erkennen, dass der Glockenturm der Kathedrale frei steht.

Halle al´Chair

Eines der ältesten Gebäude der Stadt befindet sich auch direkt am Ufer der Sambre, kurz vor dem Zusammenfluss in die Maas. Die als Halle al´Chair bekannte ehemalige Fleischhalle war einst das Gildenhaus der Metzger. Die im 16. Jahrhundert im maasländischen Renaissancestil errichtete Halle hatte im Laufe der Geschichte viele Funktionen. Als Schlachthof gebaut, wurde sie im 19. Jahrhundert erst als protestantisches Gebetshaus für Holländischen Soldaten umfunktioniert. Später diente sie noch als Krankenhaus, Gefängnis und Schulgebäude. Seit 1855 beherbergt es einen Teil des archäologischen Museums. In den Weltkriegen wurde das Gebäude immer wieder schwer beschädigt, deshalb wurde in den letzten Jahrzehnten ständig an ihm gebaut. In Zukunft soll die Tourismusinformation das Haus beziehen, nachdem es Stück für Stück restauriert wurde.

Die ehemalige Fleischhalle war schon Krankenhaus, Gefängnis und Schule. Heute ist sie Museum und in Zukunft lässt sich die Tourismusdienst dort nieder.
Die ehemalige Fleischhalle war schon Krankenhaus, Gefängnis und Schule. Heute ist sie Museum und in Zukunft lässt sich die Tourismusdienst dort nieder.

Pont de Jambes

Wo ein Fluss ist, ist eine Brücke nicht weit. Eine der ältesten Brücken in Namur ist die Pont de Jambes. Die erste Brücke an dieser Stelle stammt aus der römischen Zeit. Im Mittelalter war sie ein wichtiger Stützpunkt an der Grenze zwischen der Grafschaft Namur und des Fürstbistum Lüttich. Bis ins 20. Jahrhundert war sie auch die einzige Möglichkeit in der ganzen Region die Maas zu überqueren. In beiden Weltkriegen wurde die Brücke absichtlich gesprengt um die Überquerung der Maas zu erschweren. Bis in die 1960er ersetzte eine provisorische Brücke die Vorgängerbauten, eh sie nach alten Plänen 1965 wieder errichtet wurde. Wegen dem regen Schiffsverkehr auf der Maas wurde der mittlere Bogen der Brücke verbreitert und erhöht.

An dieser Stelle war schon seit der römischen Zeit eine Brücke über die Maas

Wenn wir über die Ufer der Maas sprechen, wäre auch zu erwähnen, dass die wichtigen Institutionen der Wallonischen Region dort befinden.
Wie anfangs erwähnt, hat sich das Wallonische Parlament in dem alten Hospiz Saint-Gilles niedergelassen, das in den 1990ern aufwendig restauriert und umgebaut wurde. Es liegt direkt am Fuße der Zitadelle unweit der Sambremündung in die Maas.
Direkt auf der gegenüberliegenden Seite der Maas, im Stadtteil Jambes, liegt der Sitz der Wallonischen Regierung. Diese hat sich in einem alten Villa aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet, dem Maison Materne. Dieses Gebäude wird auch Élysette genannt – der Verkleinerungsform von Élysée. Genau wie in der größeren Residenz in Paris, arbeitet hier der (Minister)-Präsident der Wallonischen Region.

Die Maison Materne, auch Elysette genannt, in Anlehnung an den Elysée Palastes in Paris
Die Maison Materne, auch Elysette genannt, in Anlehnung an den Elysée Palastes in Paris

Die Zitadelle

Im Westen der Stadt, dort wo die Sambre auf die Maas trifft thront auf einem Hügel die Zitadelle von Namur. Auch wenn der Aufstieg mühselig ist, lohnt es sich die verschiedenen Etagen zu erklimmen und die immer besser werdende Aussicht zu entdecken. Das Areal scheint endlos zu sein. Mit den vielen parkähnlichen Etagen und den verschiedenen Gebäuden aus mehreren Jahrhunderten gibt es hinter jeder Mauer, Brücke und Treppe etwas neues zu bestaunen.
Da einer meiner nächsten Blogbeiträge sich im Detail über die Zitadellen entlang der Maas befassen, habe ich mich hier nur auf das wesentliche beschränkt. Mehr darüber könnt ihr in Kürze in einem ausführlicheren Beitrag lesen…

Die Zitadelle erstreckt sich über den kompletten Berg an der Sambremündung
Die Zitadelle erstreckt sich über den kompletten Berg an der Sambremündung

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