Tongeren – die älteste Stadt Belgiens

Zu meinem sprachwissenschaftlichen Studium gehörte auch der Erwerb des kleinen Latinums. Nach einem Semester „Grundkurs Latein“ ging es im darauffolgenden Semester an die Übersetzung des „De bello Gallico“ (Der gallische Krieg). Das Werk handelt vom Krieg, den Julius Caesar 58 bis 51/50 vor Christus gegen die gallischen Völker führte. Der Dozent eröffnete die erste Stunde des Aufbaukurses mit folgendem Satz, den wir im Anschluss gemeinsam übersetzten.

Aus „De bello Gallico“…

Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae,… . Zu Deutsch: Gallien in seiner Gesamtheit ist in drei Teile geteilt, von denen einen die Belgier bewohnen,… .
Ein Kommilitone stellte damals die Frage, ob es die Belgier zur Zeit Julius Caesars schon gegeben hatte. Unser Dozent antwortete darauf, dass es einen sehr interessanten Comic dazu gäbe: „Asterix bei den Belgiern“, in dem das alles erklärt würde. Seitdem fand ich den Dozenten direkt mal viel sympathischer.

Titelseite des Comics Asterix bei den Belgiern von R. Goscinny und A. Uderzo

Die gallische Provinz Gallia Belgica

Im „De bello Gallico“ wurde die Bezeichnung Gallia Belgica für das Gebiet genutzt, auf dem sich heute unter anderem auch Belgien befindet. Einige Jahrhunderte später, bei der Staatsgründung Belgiens, griff man bei der Namensfindung für das neue Land auf diese alte Bezeichnung für Teile des heutigen Staates zurück.

Das Gebiet der Provinz Gallia Belgica (dunkelrot) im Römischen Reich (hellrot)
Quelle: Wikipedia

Die älteste Stadt Belgiens

Die Stadt Tongeren aber gab es auch zur Zeit der Römer schon, damals hieß sie Aduatuca Tungrorum. Um 15 vor Christus wurde sie als militärisches Lager gegründet und ist somit die älteste Stadt Belgiens. Später hatte die Stadt durch seine Lage am Handelsweg zwischen Köln und Boulogne auch eine wichtige Rolle als Knotenpunkt. Heute zeugen noch zahlreiche Überreste der verschiedenen Epochen der Stadt von ihrer langen Geschichte.

Römische Wurzeln

Das damalige Aduatuca Tungrorum hatte gleich mehrere Vorteile als strategisch wichtiger Ort. Zum einen lag es auf einem Hügel an einer wichtigen Handelsstraße. Zum anderen war es umgeben von fruchtbarem Land und in der Nähe eines Flusses, perfekte Gegebenheiten für die Versorgung einer Legion. Als der Pax Romana (römische Frieden) friedlichere Zeiten einläutete, zogen die militärischen Truppen ab. Es festigten sich dort dann der gallische Stamm der Tungerer. Die Stadt war durch ihre militärische Vergangenheit schon perfekt befestigt und so konnte man sich auf die Entwicklung zur Handelsstadt konzentrieren. Die Stadt wurde sehr schnell immer reicher und man baute Amphitheater, Thermen und Tempel.

Das Ende des Römischen Reiches

Im 3. Jahrhundert nahm die Macht des Römischen Reiches ab und Germanen und Vandalen begannen römische Städte zu plündern. Durch die massiven Stadtwälle blieb Tongeren jedoch größtenteils davon verschont. Noch heute sind gut erhaltene Überreste der römischen Stadtumwallungen erhalten.

Ein gut erhaltenes Teilstück der römischen Stadtmauer

Mittelalterliches Tongeren

Nach dem Verfall des Römischen Reiches verlor Tongeren seine Bedeutung als Handelsstadt an seine beiden Nachbarstädte Lüttich und Maastricht. Trotzdem wurde zum Schutz der Stadt eine weitere Stadtmauer um die weiter wachsende Stadt gebaut. Da man sich immer noch an einem wichtigen Handelsknotenpunkt befand, erhielt Tongeren mehrere Stadttore und Wachtürme. Durch den Schutz der mittelalterlichen Stadtmauern erfuhr Tongeren auch wieder eine Blütezeit. 1316 wurde Tongeren zu einer der 16 wichtigen Städte (Grote Steden) im Fürstbistum Lüttich und erhielt besondere Stadtrechte.

Mittelalterliche Gebäude

Aus dieser Zeit stammen der Beginenhof und die unübersehbare Liebfrauenbasilika. Man begann die Basilika schon im 12. Jahrhundert auf den Fundamenten einer älteren, römischen Kirche zu bauen. Im 16. Jahrhundert waren die Bauarbeiten des gotischen Bauwerkes beendet. 1677 wurde die Stadt von französischen Truppen in Brand gesteckt. Der Stadtbrand zerstörte alle Fachwerkhäuser der Altstadt. Lediglich der Beginenhof wurde verschont. Die hölzerne Kirchturmspitze war auch vorher schon mehrere Male dem Feuer zum Opfer gefallen, doch diesmal hatte man kein Geld mehr sie wieder zu erreichten.

Tongeren in Belgien

Bis zur Neuzeit war man in Tongeren mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Große Teile der Stadtummauerung wurden wieder aufgebaut und die Innenstadt bekam ihr heutiges typisch maasländisches Aussehen. Man errichtete das klassizistische Rathaus und andere große Stadtwohnungen ersetzten die abgebrannten Fachwerkhäuser.
Ende des 18. Jahrhunderts erfuhr Tongeren dann seine größte Veränderung. Es wurde nach über 1000 Jahren von Lüttich getrennt. Die Franzosen teilten die damaligen Niederlande in neue Arrondissements auf. Tongeren gehört seitdem zur Provinz Limburg.

Tongeren wird belgisch…

Mit der Staatsgründung Belgiens wurde Tongeren zur ältesten Stadt Belgiens. Im 19. Jahrhundert profitierte Tongeren von der geographischen Nähe zu Lüttich. Die industrielle Revolution in Lüttich sorgte für viele Arbeitsplätze. Das gut ausgebaute belgische Schienennetz machte es der Bevölkerung Tongerens möglich zur Arbeit nach Lüttich zu pendeln.
Noch vor dem 2. Weltkrieg begann man intensiv mit der Erforschung der Geschichte Tongerns. Zahlreiche römische und mittelalterliche Überreste wurden wieder ausgegraben. Seit 1954 werden im Gallo-Römischen Museum viele der ausgegrabenen Funde ausgestellt. 2011 wurde dem Museum die Auszeichnung Europäisches Museum des Jahres verliehen.

Die Statue des Ambiorix

Was hat es mit der Statue auf sich, die mitten auf dem Großen Markt steht?
Hierbei handelt es sich nicht um die menschgewordene Abbildung eines französischen Comichelden. Vielmehr könnte Asterix eine Zeichentrickversion der Statue sein, da sie vieles gemeinsam haben. Nach der Gründung Belgiens 1830 suchte man nach mystischen, belgischen Helden, um der neuen belgischen Bevölkerung einheitliche Vorbilder zu geben. In Tongeren fand man schnell die Geschichte des Ambiorix, der Führer des Gallischen Stammes der Eburonen, als Sinnbild von Tapferkeit und Mut. Unter seiner Führung war es einigen gallischen Stämmen gelungen die römischen Legionen zu besiegen. Von dieser historischen Niederlage wird im „De bello Gallico“ berichtet. Caesar lies auch Ambiorix‘ Person und Charakter dort genauestens beschreiben.

Die Statue des Ambiorix auf dem Grote Markt

Nach einem weiteren Angriff der römischen Legionen jedoch konnten die gallischen Stämme besiegt werden. Ambiorix konnte flüchten und wurde seitdem nicht wieder gesehen. Seit 1866 ziert er als fast 4 Meter hohe Statue den Platz vor der Basilika.

Die spinnen die Belgier…

Somit ist die Statue viel älter als der ähnlich aussehende Comicheld aus den 1960ern. Für viele Kinder (und Kind gebliebene) lebt Ambiorix heute immer noch weiter, als eine ihm sehr ähnlich sehende Comicfigur.
Im „De bello Gallico“ steht übrigens auch noch folgender hochinteressante Satz geschrieben: Horum omnium fortissimi sunt Belgae,… . Von diesen allen (Völkern) die tapfersten sind die Belgier,… . Wer hierzu mehr erfahren möchte, der sollte unbedingt das Comic „Asterix bei den Belgiern“ lesen. Vielleicht findet man ja ein Exemplar auf den zahlreichen Ständen des größten Floh- und Antikmarktes der Benelux, der jeden Sonntag in der gesamten Innenstadt von Tongeren stattfindet.

Andy

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