Voerstreek -unterwegs in den flämischen Highlands

In den letzten paar Wochen habe ich mal wieder die nähere Umgebung erkundet. Diesmal nahm ich das Kuriosum „Voerstreek“ unter die Lupe. Dieses kleine Stückchen Flandern liegt direkt vor meiner Haustüre und ist mir nicht ganz unbekannt. Es ist der einzige Teil der niederländischsprachigen Region Belgiens auf der rechten Maasseite und völlig anders als der Rest von Flandern…

Eine besondere Exklave Flanderns

Der Voerstreek ist ein komplett von der Wallonie und den Niederlanden umschlossener Teil Flanderns, welcher zur Provinz Limburg gezählt wird. Dieses hügelartige Stückchen Land wird von Tälern und Wäldern durchzogen. Ein echtes Paradies für Wanderer, mit kleinen Orten, uralten Gebäuden und grandiosen Aussichten. Durchkreuzt wird die Gemeinde, welche aus 6 Dörfern und vielen kleinen Weilern besteht, von kleinen Bächen. Einer davon ist die Voer, welche der ganzen Gegend seinen Namen verlieh. Die Tatsache, dass sich der Reesberg, der mit 287,5 m höchste Berg Flanderns, in der kleinen, abgelegenen Gemeinde befindet wird oft umgangen. Es gibt nicht mal ein Schild oder Denkmal, dass auf diese Position hinweist. Kurios ist außerdem im Voerstreek, dass es zahlreiche Eisenbahntunnel, -brücken und -dämme gibt, aber keinen Bahnhof (mehr). Das liegt wohl daran, dass es sich um eine Strecke handelt, die fast nur von Güterzügen auf dem Weg von Antwerpener Hafen zum Ruhrpott befahren wird.

Die waldreiche Region eignet sich sehr gut für abwechslungsreiche Wanderungen
Bauernhof im Tal
Bauernhöfe in einem Tal, ein typisches Landschaftsbild im Voerstreek

Ein über Jahre andauernder Sprachenstreit

International bekannt wurde der Voerstreek vor allem durch seinen Sprachenstreit. Auch wenn die Bevölkerung seit jeher einen limburgischen Dialekt spricht, fiel das Gebiet bei der belgischen Staatsgründung 1830 erst einmal unter wallonischer und somit französischsprachiger Verwaltung. Als dann in den 1960ern die Sprachgrenze gezogen wurde, und die 6 Orte zur flämischen Exklave Voeren wurden, brachen immer wieder Unruhen aus. Die französisch sprechenden Bewohner fühlten sich übergangen und wollten die Gemeinde “ zurück in die Wallonie holen“. Die niederländisch sprechende Bevölkerung jedoch wollte ein Teil Flanderns bleiben. Der Streit verlief soweit, dass in den 1980ern einen Bürgermeister gewählt wurde, der kein Wort Niederländisch sprach, ein Skandal! Erst 1989 wurde der Sprachenstreit beendet, als mit einem zweisprachigen Bürgermeister die Bevölkerung einen würdigen Vertreter für die besondere Region wählte. Gelegt haben die Unruhen sich aber erst, seitdem im Jahr 2000 auch die vielen zugezogenen Niederländer ein Wahlrecht bekommen haben.

Zeugen des Sprachenstreits
Spuren des Sprachstreites zwischen Wallonen und Flamen sind auch heute noch überall im Gemeindegebiet zu finden

Voerstreek als Wanderparadies

Dass der Voerstreek ein Paradies für Wanderer ist, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Allerdings erlebt die Gegend durch die in der Coronapandemie verschärften Ausreiseverbote einen regelrechten Boom. Viele Naturliebhaber entdecken die Regionen vor der Haustüre oder im eigenen Land und nutzen die guten heimischen Angebote.
Auch ich machte mich auf verschiedenen Wanderungen auf den Weg, um diese einmalige Region zu erkunden. Dazu machte ich Gebrauch von dem außergewöhnlich guten Wandernetzwerk. Entweder man nutzt eine der vom Tourismusverband Voerstreek zusammengestellten Routen oder man erstellt sich selber eine Route. Dazu kann man entweder eine App benutzen oder man bestellt sich die Wanderkarte auf der Website des Tourismusverbands.

Wanderknotenpunk
Das gut ausgebaute Wandernetzwerk ist gut gekennzeichnet

Schlösser, Abteien und alte Dörfer

Eine weitere Besonderheit, auf die ich während meiner Wanderungen immer wieder gestoßen bin, sind die zahlreichen außergewöhnlichen Bauwerke im Voerstreek. Neben den historischen Dorfkernen und den alten Kirchen trifft man überall auf Schlösser und Abteien. Zwar sind viele von ihnen in Privatbesitz und öffentlich nicht zugänglich, aber dennoch sind sie von außen schön anzusehen. Die vielen Bauernhöfe, die teilweise vereinzelt in der Wiesenlandschaft stehen, die man aber auch gruppiert in den Dorfkernen findet, sind aus dem Feuersteinen gebaut, für den die ganze Region bekannt ist. Der auch Mergel genannte Stein findet sich auch auf den Wegen wieder.

Kasteel Obsinnich
Das Kasteel Obsinnich ist nur eines von vielen Schlössern im Voerstreek. Fast alle sind im Privatbesitz, dieses hier wird als Jugendherberge genutzt.
Abtei
Neben den Schlössern gibt es auch einige alte Abteien, wie hier die gut versteckte Abtei Sinnich, welche quasi nur im Winter, wenn das Laub fehlt, bewundert werden kann.

6 Orte reihen sich wie Perlen auf einer Kette

Die 6 Hauptorte des Voerstreek reihen sich wie Perlen auf einer Kette, die sich durch die Täler der mit Bächen durchzogenen Landschaft zieht. Umgeben werden sie von grünen Hügeln, Wäldern und Obstplantagen. Hier und da findet man auch Weinberge. Jeder Ort hat jedoch seinen eigenen Reiz, den man auf dem Wanderwegnetz entdeckt.

Moelingen

Der westlichste Ort liegt unweit der Maas inmitten des grünen Maastales, umgeben von Feldern und Obstbaumplantagen. Die Berwinne, die quer durch den Ort fließt mündet nur wenige Kilometer entfernt in die Maas. Wie es sich in einem alten kleinen Dorf gehört, befindet sich in deren Mitte eine schöne Kirche. Der romanische Kirchturm stammt aus dem 12. Jahrhundert. Außerdem befinden sich in der Gemeinde viele alte (und neue) Grenzsteine, da das Örtchen im Norden an die Niederlande und im Süden an die Wallonie grenzt. Zu erkennen sind sie durch das Wappen Österreichs, zu dem Belgien bei der Grenzziehung gehörte.

Kirche von Moelingen
Der romanische Kirchturm von Moelingen stammt aus dem 12. Jahrhundert.

’s Gravenvoeren

Der Ort verläuft längs des Flüsschens Voer. Viele der Gebäude im Dorfkern, die oft über eine kleine Brücke zu erreichen sind, stammen aus dem 18. Jahrhundert. Auf dem kleinen Platz „Kinkenberg“ mitten im Ort findet man eine kleine Kapelle, welche von vielen alten Höfen und Wohnhäusern umgeben wird. Nur ein Paar Wanderknotenpunkte vom Ort entfernt steht das Steenboskapelletje, welches auf den Resten einer römischen Villa gebaut worden sein soll. Außerdem befinden sich auf dem Gemeindegebiet zwei Schlösser: Kasteel Altenbroek und Kasteel Ottegraven.

Steenboskapelletje
Das Steenboskapelletje steht mitten in der Weidelandschaft unweit vom Ortskern auf einem Hügel.

Sint-Martens-Voeren

Mitten durch den Ort verläuft eine 23m hohe Eisenbahnbrücke. Nachdem auf der Zugstrecke in Moresnet die längste Zugbrücke Belgiens überquert wird, folgt in Voeren kurz nach Sint-Martens-Voeren der längste Eisenbahntunnel Flanderns (2070m).
Sehenswert ist auch die kleine Kirche aus dem 13. Jahrhundert und der Friedhof, auf dem viele alte Grabsteine aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stehen. In direkter Nachbarschaft dazu findet man das alte Pfarrhaus, welches nun ein Kulturzentrum ist. In der Teilgemeinde Veurs, einem kleinen Ort, der sich wie ein Freilichtmuseum an einen Hügel schmiegt, stehen viele der typischen Bauernhöfe aus Mergelstein.

Die kleine Kirche ist umgeben von uralten Grabsteinen.

Remersdaal

Im Osten des Voerstreeks liegt das kleine Örtchen Remersdaal, inmitten von großen Hügeln und Weiden. Hier trifft man auch auf den höchsten Punkt Flanderns, welcher nahtlos in das Herver Hügelland übergeht. Einen wirklichen Ortskern gibt es nicht. Sogar die Kirche wird von Wiesen und Bauernhöfen umgeben. Noch heute ist Remersdaal ein Dorf, das sich sehr zur benachbarten Wallonie zugehörig fühlt.
Ein Bahndamm trennt den Ort von Obsinnich. Dieser kleine Weiler ist vor allem in der flämischen Jugendbewegung bekannt, da dort ein Schloss steht, in dem sie gerne ihre Ferien verbringen.

Dorfansicht Remersdaal
Remersdaal ist nicht nur der östlichste Ort Flanderns sondern auch der höchstgelegenste

Teuven

Ebenfalls im östlichen Teil des Voerstreeks, umgeben von Wäldern, liegt das Dorf Teuven. Von weitem sichtbar ist die neogotische Kirche aus dem Jahre 1870, deren Kirchturm sich in die hügelige Landschaft einschmiegt. Der Dorfkern hat sich in den letzten Jahren rausgeputzt und es wurden zahlreiche Restaurants und Unterkünfte in restaurierten Höfen eingerichtet. Eins davon ist „De Hoof“, welches einst die Unterkunft der örtlichen Grafen war.
Auf dem Gemeindegebiet steht auch die alte Abtei Sinnich, welche seit der Französischen Revolution in Privateigentum fiel. Nur von einem versteckten Platz im Wald kann man einen Blick auf dieses außergewöhnliche Bauwerk werken.

Dorfansicht Teuven
Das Dörfchen Teuven ist umgeben von Wald und Wiesen

Sint-Pieters-Voeren

Das kleinste Dorf im Voerstreek ist bekannt für seine Commanderie, welche einst einen Ritterorden beheimatete. Diese ist eng verbunden mit der in Alden Biesen. Leider ist das im typische maasländischen Stil erbaute Schloss nicht öffentlich zugänglich. Es kann aber von der im Schlosspark gelegenen Forellenzucht betrachtet werden.
Die Dorfkirche stammt aus 1660 und wird von einem geschichtsträchtigen Friedhof umgeben. Hier liegen nämlich auch einige wichtige Ritter der Commanderie begraben.
Ein weiteres schönes Bauwerk ist das Schloss Magis (auch in Privatbesitz). Es steht oben auf einem Hügel mit Blick über dem gesamten Voerstreek, direkt an der Grenze zur wallonischen Nachbargemeinde Aubel.

Commanderie in Sint-Pieters-Voeren
Das wohl auffälligste Gebäude in Sint-Pieters-Voeren ist das Schloss der Commanderie.

Andy

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