Wavre – die unscheinbare Provinzhauptstadt

Wallonisch Brabant ist die kleinste der belgischen Provinzen. Ihre Hauptstadt, Wavre eine historisch unbedeutende Stadt Belgiens. Dennoch hat die kleine Stadt an der Dyle irgendwie seinen eigenen Charme.
Ich habe lange überlegt wie ich von Wavre, im Gegensatz zu den anderen Provinzhauptstädten historisch unbedeutenden Stadt, genug Sehenswürdigkeiten zusammen bekommen soll, damit ich sie euch wie in den anderen Hauptstadtartikeln als Top10 präsentieren kann. Da ich jedoch bei meinem Besuch Wavres nicht viele nennenswerte Sehenswürdigkeiten entdeckt habe, entschied ich mich nur die zu beschreiben, die ich mir damals angeschaut hatte und wenn nötig irgendwann andere zu ergänzen.

Die (alte) Provinz Brabant – geteiltes Leid ist halbes Leid?

Der Sprachenstreit zwischen den Flamen und den Wallonen hat dafür gesorgt, dass die alte Provinz Brabant und ihre Provinzhauptstadt Brüssel 1995 neu aufgeteilt wurden. Die Hauptstadtregion Brüssel mit seinen 19 Teilgemeinden bildet nun eine eigene Region. Der niederländischsprachige Teil Brabants wurde in die Provinz Flämisch Brabant umgewandelt und bekam Leuven als Provinzhauptstadt. Der französischsprachige Teil Brabants wurde dann die Provinz Wallonisch Brabant.
Da die beiden historisch wichtigsten Städte des alten Brabants – Brüssel und Leuven- schon ihre Hauptstadtfunktion bekommen hatten brauchte man nun für den wallonischen Teil auch eine geeignete Provinzhauptstadt. Da Wavre als einzige wirkliche „Stadt“ ziemlich zentral in der Provinz liegt, wurde es somit Provinzhauptstadt.

Die alte Provinz Brabant (kräftige Farben) wurde 1995 aufgeteilt in die Provinzen Wallonisch Brabant (rot), Flämisch Brabant (gelb) und die 19 Brüsseler Gemeinden wurden zu einer eigenständigen Region (orange).

Quelle: Wikipedia

Die Provinzhauptstadt Wavre

Die Stadt Wavre wird wahrscheinlich den meisten nicht wirklich etwas sagen. Auch ich kannte es nur aus dem Unterricht als Hauptstadt der Provinz Wallonisch Brabants. Sehenswürdigkeiten vielen mir auf anhieb auch keine ein. Ich wusste lediglich, dass der belgische Premierminister Belgiens – Charles Michel- der Bürgermeister von Wavre ist.
Also setzte ich mich ins Auto und machte mich an einem grauen, verschneiten Tag im Januar auf in das kleine Städtchen im Zentrum Belgiens.

Der erste Eindruck

Was mir sofort auffiel je näher ich der Stadt kam, war die Tatsache, dass sich auch einer der beliebtesten Freizeitsparks Belgiens in Wavre befinden. Dementsprechend ist dieser besser ausgeschildert als die Stadt selber. Walibi Belgium liegt direkt am Stadtrand von Wavre und zieht jährlich fast 1 Mio Gäste. Der Name Walibi ist eine Zusammenstellung der Namen der Gemeinden, auf denen sich der Park befindet: Wavre – Limal – Bierges. Doch einmal im Stadtzentrum angekommen, merkte ich schnell, dass mein Besuch nicht den ganzen Tag in beschlag nehmen sollte. Ich parkte das Auto zentral auf dem Place Cardinal Mercier, der trotz seiner zentralen Lage sehr leer war.

Die beiden Highlights

Die Kirche Saint-Jean-Babtiste

Direkt an der Place Cardinal Mercier steht die Johannes der Täufer-Kirche mit seinem „gestreiften“ Turm. Der abwechselnd aus roten Ziegelsteinen und hellem Kalkstein gebaute Kirchenturm beherbergt ein Glockenspiel, welches halbstündlich erklingt. Der gotische Bau, dessen Ursprung aus dem 15. Jahrhundert stammt wurde mehrere Male umgestaltet oder musste durch Brand- oder Kriegsschäden repariert werden. Bei der Schlacht um Wavre, einige Tage vor der berühmten Schlacht von Waterloo im Juni 1815, wurde der Turm stark von französischen Kanonen beschädigt. Heute weist eine Tafel auf die Einschlaglöscher der Kanonenkugeln auf dieses Ereignis hin. Das innere der Kirche ist sehr schlicht gehalten. genau wie der Turm dominieren auch hier Ziegelsteine und Kalksteine in den Gemäuern.

Der „gestreifte“ Turm der Kirche Saint-Jean-Babtiste steht an einem Zentral gelegenen (Park-)Platz

Das alte Karmeliterklostergebäude – heute das Rathaus von Wavre

Nachdem ich durch die kleineren und größeren Straßen flaniert war, stieß ich auf ein altes Klosterähnliches Gebäude, das sich als Rathaus von Wavre ausgab. In diesem Bau vermutet man auf dem ersten Blick nicht wirklich einen Bürgermeister oder Stadtverwaltung zu treffen. Doch in dem alten Karmeliterkloster ist schon seit 1810 die Stadtverwaltung Wavres untergebracht. Seine Blütezeit erlebte das Kloster in den 1660ern, kurz nach seiner Errichtung. Schon 1695 wurde es von einem Feuer verwüstet und erst 1720 wieder aufgebaut. Im Zuge der Französischen Revolution wurde es dann 1797 geschlossen. 1809 kaufte die Stadt Wavre das stark heruntergekommene Kloster und ließ es in ihr Rathaus umfunktionieren. Während des Zweiten Weltkrieges erlitt das Gebäude bei einem Bombardement erhebliche Schäden. Man ließ die übrig gebliebene alte barocke Kirche und einige Nachbargebäude dann aber nach dem Krieg restaurieren.

Das Rathaus von Wavre befindet sich schon seit 1810 in einem alten Klostergebäude

Fazit

Mein kurzer Besuch der Stadt endete dann auch damit, dass ich beim Rathaus vor verschlossenen Türen stand. Gerne hätte ich mir dieses außergewöhnliche Rathausgebäude auch noch von Innen angeschaut. Genau wie das Rathaus hatten auch so gut wie alle Geschäfte über die Mittagszeit geschlossen. Dann fing es wieder an zu schneien…

Vielleicht hatte es echt mit dem tristen Wetter und der Dunkelheit des Januars zu tun, aber irgendwie hielt es mich dann nicht mehr allzu lange in Wavre. Auf der Landkarte sah ich, dass das Schlachtfeld von Waterloo und die künstlich errichtete Studentenstadt Louvain-la-Neuve auch ganz in der Nähe waren. Also begab ich mich zurück in mein Auto und fuhr weiter. Doch dies ist Stoff für einen anderen Blogbeitrag… 🙂

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